Konflikt um schwulen Erzieher in Berliner Kita : Über Vorurteile muss geredet werden!

In Berlin-Reinickendorf löst ein schwuler Erzieher bei muslimischen Eltern heftige Reaktionen aus. Wundern sollte sich keiner darüber. Konfrontationsfähigkeit ist gefragt. Ein Kommentar.

Kinder in einer Kita (Symbolbild)
Kinder in einer Kita (Symbolbild)Foto: dpa/Christian Charisius

Die Deutschen sind etwas seltsam. Da lassen sie mehr als eine Million Flüchtlinge ins Land, die meisten davon aus muslimischen Ländern, und sind dann völlig überrascht, dass sich diese nicht in kürzester Zeit zu voll emanzipierten, säkularen, veganen, bio- und fair-trade-orientierten Mülltrennern entwickeln, die sich nur nicht entscheiden können, ob sie lieber am CSD teilnehmen oder an einer Solidaritäts-Demo für Israel.

 Erklären jedenfalls lässt sich die Aufregung über die Aufregung, die in Berlin-Reinickendorf ein schwuler Erzieher bei muslimischen Eltern verursacht hat, kaum. Da prallen eben tatsächlich Welten aufeinander. Ein strammer AfD-Parteigänger hätte es als Erzieher in einem Kreuzberger Multikulti-Kinderladen wahrscheinlich auch nicht gerade leicht.

 Dass zwei Drittel der türkischstämmigen und die Hälfte der russischstämmigen Jugendlichen in Berlin homophob sind, weiß man seit langem. Vor zehn Jahren ergab dies eine Umfrage unter 1000 Gesamtschülern und Gymnasiasten im Alter von 14 bis 20 Jahren, die im Auftrag des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) durchgeführt und vom Bundesfamilienministerium finanziert worden war. Drei Viertel der befragten Jugendlichen aus Einwandererfamilien fanden es „abstoßend“, wenn sich schwule Männer oder lesbische Frauen in der Öffentlichkeit küssen, zwei Drittel meinten, dass die Eltern versagt haben, wenn ein Kind homosexuell  wird. Ein Viertel der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund ist ebenfalls homophob.

Seit wann sind Unterschriftenaktionen ein Kündigungsgrund?

So erschütternd wie legendär sind auch Berichte über einen starken Antisemitismus insbesondere unter arabisch-muslimischen Einwanderern. Jüdische und Menschenrechts-Organisationen warnen seit langem davor. Man stelle sich nur vor, statt des schwulen Erziehers würde ein religiöser Jude mit Kippa in einem überwiegend von Muslimen frequentierten Kindergarten arbeiten. Ob die Schulsenatorin den möglichen Protestierern auch dann entgegnen würde: „Wir dulden keine Diskriminierung. Wir möchten den Anteil der männlichen Erzieher in den Kitas erhöhen, da diese ein wichtiges Rollenvorbild für die Kinder sind.“

 Von den Eltern, die in der Reinickendorfer Kita mit einer Unterschriftenaktion gedroht hatten, trennte sich die Geschäftsführerin. Seit wann sind Unterschriftenaktionen ein Kündigungsgrund? Natürlich wäre es falsch, dem Druck nachzugeben. Aber zu einer offenen Auseinandersetzung gehört die Möglichkeit für eine offene Auseinandersetzung. Sie ist ein Teil der oft mühsamen gesellschaftlichen Integrationsarbeit. Über Vorurteile muss geredet werden, sie zu verbannen, bringt gar nichts. Konfrontationsfähigkeit ist gefragt.

 Ein Einzelfall, eine ungewöhnliche Ausnahme gar, ist die Kontroverse mitnichten. Wahrscheinlich werden ähnlich geartete Streitigkeiten eher noch zu- als abnehmen. Wer anderes erwartet, ist naiv.

 Worüber daher dringend wieder gesprochen werden muss, ist die Einführung einer Kita-Pflicht. Wenn die Einstellung männlicher und/oder schwuler Erzieher zur Folge hat, dass einige muslimische Eltern ihre Kinder lieber zu Hause erziehen, als sie in die Kita zu bringen, wäre das fatal. Parallelstrukturen dürfen nicht zubetoniert werden.

 Die Integrationsaufgaben sind seit dem Herbst 2015 noch einmal sehr viel größer geworden. Unverzichtbar für das Gelingen ist ein möglichst frühzeitiges Kennenlernen und Verstehenkönnen deutscher Sprache, Kultur und Tradition. Sexuelle Toleranz ist ein Teil davon.

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