Exklusiv

Kooperation Tagesspiegel / ARD-Magazin "Fakt" : Die Afghanistan-Connection

Sie waren zusammen im Afghanistan-Einsatz. Jetzt sitzen sie auf entscheidenden Posten im Ministerium. Sie prägen das Bild, das sich die Ministerin macht. Sie bestimmen Ausrichtung, Struktur und Selbstverständnis der Truppe. Welche Folgen hat das für Deutschlands Sicherheit?

von und Markus Frenzel
Drei Männer, ein Bild: Oberst Peter Mirow (v.l.), Generalleutnant Markus Kneip und Oberstleutnant Heico Hüber 2011 in Afghanistan. Heute sind die drei auf entscheidenden Posten im Ministerium.
Drei Männer, ein Bild: Oberst Peter Mirow (v.l.), Generalleutnant Markus Kneip und Oberstleutnant Heico Hüber 2011 in Afghanistan....Foto: isafmedia

Am Anfang standen eine Beobachtung, eine Frage und ein Verdacht. Die Beobachtung: Das militär- und sicherheitspolitische Denken hierzulande ist stark Afghanistan-fokussiert. Die Frage: Woran liegt das? Der Verdacht, geäußert von einem hohen Offizier der Bundeswehr: Im Ministerium herrsche eine „Afghanistan-Connection“ aus Soldaten, die sich aus dem Einsatz am Hindukusch kennen, mit immensem Einfluss auf Strategien, Ausrüstung, Ausbildung – und direktem Zugang zur Ministerin. Kann das sein? In einer Kooperation begann der Tagesspiegel mit dem ARD-Magazin „Fakt“ zu recherchieren. Fast ein ganzes Jahr wurden Strukturen der Bundeswehrführung studiert, Organigramme des Ministeriums, Biografien hoher Militärs, Stapel ministerieller Verordnungen, kleine Anfragen der Fraktionen und die Antworten der Bundesregierung, Dutzende vertraulicher Papiere und vieles, vieles mehr. Das Ergebnis: Es gibt sie wirklich, die Afghanistan-Connection.

Was ist die Afghanistan-Connection?

Eine Verbindung von Bundeswehrsoldaten, die im Afghanistan-Einsatz waren und jetzt auf entscheidenden Posten im Verteidigungsministerium und anderswo sitzen. Eine Verbindung, von der ein hoher Offizier in verantwortungsvoller Position im Ministerium, der anonym bleiben möchte, sagt: „Die Bezeichnung Afghanistan-Connection ist die bestmögliche Bezeichnung, die man da finden kann. Es ist eine enge Bruderschaft aus 25 bis 30 Offizieren.“ Die Männer würden sich gegenseitig unterstützen und fördern. Das Erlebnis des Krieges habe sie extrem geprägt. Jetzt prägen sie das Bild, das sich die Ministerin macht: vom Haus, von der Bundeswehr und von deren Rolle in der Welt.

Wer gehört dazu?

Der Organisationsplan des Ministeriums unter der Führung von Ursula von der Leyen (CDU) liest sich in Teilen wie das Who’s who des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan. Eben noch am Hindukusch, jetzt am Ohr der Ministerin. Im Zentrum steht Volker Wieker. Er war der erste deutsche Vier-Sterne-General im Afghanistan-Einsatz. Wieker ist Generalinspekteur, der oberste Soldat der Bundeswehr und als solcher der maßgebliche Berater der Ministerin. Ein enger Vertrauter Wiekers ist Generalmajor Markus Kneip, Leiter der Abteilung Strategie und Einsatz. Kneip begleitet von der Leyen fast immer und überallhin. Er steht auf allen Auslandsreisen und Truppenbesuchen an ihrer Seite. Er bereitet sie vor, erläutert, erklärt, hilft bei der Auswertung. Oberstleutnant Heico Hübner ist Adjutant der Ministerin und Erster, schon weil räumlich nächster Ansprechpartner. Sie stehen für eine Entwicklung, die zeigt, wie aus Vertrauensverhältnissen, wie sie unter den Extrembedingungen des Einsatzes begründet werden, Netzwerke entstehen. Belastbare Bande. So belastbar, dass sie sich in der Personalentwicklung bei der Truppe niederschlagen. Bis ins Ministerium hinein. Und übers Ministerium hinaus, etwa im Einsatzführungskommando, im Planungsamt, beim Kommando Spezialkräfte. Diese Offiziere, sagt der Ministeriumsmitarbeiter, bilden jetzt „eine Art Seilschaft auch im Friedensdienst in Deutschland“.

Markus Kneip begleitet die Ministerin auf allen Reisen, wie hier in den Irak.
Markus Kneip begleitet die Ministerin auf allen Reisen, wie hier in den Irak.Foto: dpa

Welchen Einfluss hat die Connection?

Der lässt sich nur schwer vermessen, in Zahlen und Daten ausdrücken – aber er ist kaum zu überschätzen. Ursula von der Leyen kam als Sach- und Fachfremde ins Amt des Verteidigungsministers. Vom Militär hatte sie wenig Ahnung. Umso dringlicher ist sie auf Beratung angewiesen, was Fragen zur Ausrichtung, Ausrüstung und Ausbildung der Truppe angeht, zu Nato- und UN-Einsätzen, zur Einschätzung der Krisen und Konflikte weltweit. „Die ersten sechs Monate sind entscheidend“, sagt der frühere Generalinspekteur Harald Kujat. „Nach meiner Erfahrung ist die Beratung eines Ministers am intensivsten und auch am wichtigsten in den ersten sechs Monaten.“

25 Kommentare

Neuester Kommentar