Politik : Kopf und Konzept

Absetzung der Gründungsdirektorin belastet Projekt der Stadt München zur NS-Geschichte

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Berlin - Das in München entstehende Dokumentationszentrum zur Geschichte der Stadt im Nationalsozialismus droht durch einen Eklat in Schwierigkeiten zu geraten. Das Kulturreferat der Stadt München hat die Gründungsdirektorin Irmtrud Wojak abgesetzt. Ein neues Konzept sollen vier Professoren aus dem Wissenschaftlichen Beirat bis Januar 2012 erarbeiten. Das Zentrum werde wie geplant Anfang 2014 eröffnet, sagt der Kulturreferent Hans-Georg Küppers (SPD).

Der Gründungsdirektorin Irmtrud Wojak war im Oktober die Leitung des Hauses, das von der Stadt, dem Land Bayern und dem Bund finanziert wird, entzogen worden. „Das für eine konstruktive Zusammenarbeit erforderliche Vertrauen zwischen der Kulturreferatsleitung – also mir – und Frau Wojak war nicht mehr gegeben“, sagt Küppers. Wojaks Ausstellungskonzept entspreche nicht den Anforderungen des Wissenschaftlichen Beirats. Aus dem Beirat heißt es allerdings, von einer Absetzung Wojaks sei in dem Gremium keine Rede gewesen. Vielmehr sei man davon ausgegangen, dass die vier Professoren das Konzept gemeinsam mit der Direktorin erarbeiten sollten.

Bereits im Frühjahr war es zum Streit um den künftigen Namen des Zentrums gekommen. Wojak hatte eine Entscheidung des Stadtrats öffentlich kritisiert. Damit habe sie die Stadträte „gegen sich aufgebracht“, heißt es nun in München. Später entschuldigte sie sich. Schon damals forderte die CSU indirekt ihren Rücktritt.

Die Historikerin Wojak wehrt sich nun gegen die Vorwürfe, durch die sie ihren Ruf als Wissenschaftlerin beschädigt sieht. „Ich habe nicht einmal die Gelegenheit gehabt, mein Konzept dem Beirat vorzustellen, weil ich am Tag der Sitzung krank war und kein Folgetermin mehr zugelassen wurde“, sagt Wojak. Außerdem weist sie darauf hin, dass sie aufgefordert worden war, dem Beirat nicht ein ausführliches, sondern nur ein grobes Konzept vorzulegen. Wojak vertrete eine Art der Präsentation, die sich an internationalen Vorbildern, etwa Jad Vaschem, orientiere, betont Hans Mommsen, Wojaks Doktorvater und einer der renommiertesten deutschen Historiker.

Das Vorgehen der Stadt München kann er nicht nachvollziehen: „Das ist so ziemlich das größte Versagen in der Personalführung, das man sich vorstellen kann“, kritisiert Mommsen. „So geht das überhaupt nicht, es ist nicht einmal mehr mit Frau Wojak gesprochen worden.“ Der Konflikt habe „irrationale Züge“. Zu der Kritik daran, dass über das Konzept in Abwesenheit der Autorin verhandelt wurde, sagt Küppers: „Ein Konzept muss auch für sich selbst sprechen.“ Kuratoriumsmitglied Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, spricht von einer „internen Angelegenheit“. Zugleich betont sie, Wojak sei eine „hervorragende Wissenschaftlerin“. Auf dem bisher Geleisteten könne jetzt aufgebaut werden.

Mommsen hat allerdings Zweifel, dass der nun eingeschlagene Weg zum Erfolg führt: Die vier Professoren seien kein geschlossenes Team und hätten unterschiedliche Vorstellungen. „Ich sehe noch nicht, wie daraus ein gutes Konzept hervorgehen könnte“, sagt Mommsen.

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