Kopten in Ägypten : "Wir Christen haben Angst"

Ägyptens Vizepräsident Suleiman hat ein Komitee eingesetzt, das eine Reform der Verfassung vorbereiten soll. Wie sind die Kopten in dem Gremium vertreten?

Nur ein Mitglied ist Christ, ein Richter. Die anderen zehn sind Muslime, darunter ein Professor von Al Azhar, aber auch der Präsident des Obersten Verwaltungsgerichts, der früher in allen Fällen von Konversionen gegen die Kopten entschieden hat. Ein anderes Mitglied steht den Muslimbrüdern nahe. Wir haben kein volles Vertrauen in dieses Gremium, dass es die Interessen der Kopten wirklich berücksichtigt.

Was sind Ihre Hauptforderungen?

Wir wollen, dass in Ägypten endlich Religionsfreiheit hergestellt wird. Dazu aber muss der Artikel 2 der Verfassung gestrichen werden, der die Scharia als wichtigste Quelle des Rechts in Ägypten festschreibt. Das widerspricht dem Gleichheitsgrundsatz in Artikel 40 und Artikel 46 über die Religionsfreiheit. Wir wollen künftig in Ägypten einen zivilen, religiös neutralen Staat. Aus unserer Sicht muss nicht die gesamte Verfassung geändert werden, nur die Punkte, die einen zivilen Staat verhindern. Für diese Korrektur ist ein Zeitraum von drei Monaten völlig ausreichend. Wir brauchen kein Referendum über eine vollkommen neue Verfassung.

Warum ist Ihnen Artikel 2 so wichtig?

Er ist die Quelle aller Probleme, die wir Kopten in Ägypten haben. Es fängt an bei den Konversionen: Wenn der Vater in Ägypten Muslim wird, werden seine Kinder automatisch auch Muslime und bekommen sogar ihre Namen geändert. Wir werden daran gehindert, Kirchen zu bauen, ja sogar vorhandene Kirchen zu renovieren. Ich treffe mich demnächst mit Omar Suleiman. Ich werde bestürmt von Kopten, die mich anrufen und alle sagen, ich solle mit dem Vizepräsidenten über Artikel 2 sprechen.

In dem Verfassungsrat sitzt auch ein Vertreter der sunnitischen Lehranstalt Al Azhar. Warum nicht auch ein koptischer Bischof?

Wir sind sehr enttäuscht von der Leitung unserer Kirche. Zu der Protestwelle im Land hat sie keine Stellung genommen. Papst Shenouda III. hat bisher kein Wort der Ermutigung gesagt an die Adresse der Jugend. Er will unter allen Umständen den Eindruck vermeiden, die koptische Kirche mische sich politisch ein.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Muslimbrüder?

Wir Christen haben Angst vor den Brüdern. Sie haben eine lange Geschichte. Und sie treiben in unseren Augen Spielchen. Ihr eigentliches Ziel ist es, an die Macht zu kommen. Sie geben sich ganz harmlos, dann aber werden sie sich auf die Macht stürzen wie die Wölfe.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

Naguib Gobraiel (57) ist Professor für Internationales Recht. Der christliche Rechtsanwalt gehört zu den wichtigsten Stimmen der Kopten, die gegen die Diskriminierung ihrer Kirche kämpfen.

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