Kosovo : In einem geraubten Land

12.10.2011 11:22 UhrVon Torsten Hampel
Ungeheuerliche Vorwürfe. Kosovos Regierungschef Hashim Thaci wird mit Geldwäsche, Schmuggel, Organhandel, ja sogar mit Auftragsmord in Verbindung gebracht. Foto: dpa
Ungeheuerliche Vorwürfe. Kosovos Regierungschef Hashim Thaci wird mit Geldwäsche, Schmuggel, Organhandel, ja sogar mit Auftragsmord in Verbindung gebracht. - Foto: dpa

Seltsamer Staat: Keine eigene Währung, keine eigene Telefonvorwahl, keine Internetkennung. Das Kosovo hat seit dem Nato-Einsatz von 1999 nicht zur Normalität gefunden. Vielmehr scheint es in die Hände eines Verbrecherkartells gefallen zu sein.

Ein alter, schwarzer, verbeulter Fiat Punto tastet sich durch das Kosovo, als wäre die Straße sein Gegner. Der Fahrer blickt durch die gerissene Frontscheibe auf ein welliges, regelmäßig von Schotter unterbrochenes Asphaltband, auf einen schmalen Streifen Land, das Land der überfahrenen Hunde und Katzen und der vor sich hin kokelnden Straßenrandflora, das Land der Autowaschplätze und Tankstellen. Der Fahrer sieht all das, und er sieht noch etwas anderes. Er sieht einen Gabentisch für das besonders gut organisierte Verbrechen.

Der Fahrer, der nach dem Willen seiner Mutter Elvis heißen sollte, wogegen jedoch die Familie des Vaters etwas einzuwenden hatte und er also den Namen Ramadan bekam, spricht kauend in sein Blackberry-Telefon, er telefoniert oft während der Fahrt, ein paar Gespräche beginnt er mit dem Satz: „Mmh, ich habe einen Keks im Mund.

“ Ramadan fastet nicht im Fastenmonat, seit er irgendwann zwischen seiner Geburt und diesem Tag im Herbst vom Islam zum Christentum wechselte. Er ist auf dem Weg zur Arbeit, nach Pristina. In die Hauptstadt seines Landes, in dem nicht nur die Straßen mehrere Sprachen sprechen. Das den Euro als Zahlungsmittel hat, aber weder zur europäischen Währungsunion, zur Europäischen Union und zum sogenannten Schengen-Raum gehört, noch nicht einmal zu den Vereinten Nationen. Es hat keine eigene Telefonvorwahl und keine eigene Internetkennung. Die Welt ist sich uneins darüber, ob dieses Land überhaupt ein Land ist. 81 Staaten meinen Ja, 112 Nein.

Der Jäger. Ramadan Ilazi leitet eine Organisation, die Verbrecher und Bestecher aufspürt. Er will sein Land zurückhaben, und zwar von den eigenen Landsleuten. Foto: dpa
Der Jäger. Ramadan Ilazi leitet eine Organisation, die Verbrecher und Bestecher aufspürt. Er will sein Land zurückhaben, und zwar von den eigenen Landsleuten. - Foto: dpa

Sie ist ebenso gespalten bei der Frage, ob dieses Land von einer oder von zwei Regierungen geführt wird und ob es sich dabei überhaupt um Regierungen handelt oder bei mindestens einer davon nicht eher um ein Verbrecherkartell. Uneinigkeit bestünde folglich auch darin, ob der junge Mann hinter der gerissenen Scheibe seines alten Fiats ein Regierungskritiker ist oder auf Verbrecherjagd, und eindeutig zu beantworten ist nicht einmal, ob man ihn überhaupt für einen jungen Mann halten soll oder nicht. Nach mitteleuropäischen Maßstäben sieht er aus wie einer. Auch seine 26 Lebensjahre sprechen dafür. Hier im Kosovo bedeuten sie, dass Ramadan Ilazi mittlerweile ein überdurchschnittlich hohes Alter erreicht hat. Das ist die Lage. Übersichtlich ist sie nicht.

Ramadan Ilazi ist Korruptionsbehinderer von Beruf. Und das Kosovo gilt den Menschen und Organisationen, die etwas mehr als nur Mutmaßungen darüber anstellen können, als besonders korrupt. Es liegt auf Platz 110 in der aktuellen Länderrangliste der Organisation Transparency International. Griechenland ist sauberer, es belegt Platz 78, Russland 154.

Es sind Ilazis letzte Tage als Chef der Organisation FOL, im Herbst wird er wieder an eine Universität zum Studieren gehen. Er muss oft Abschied nehmen in diesen Tagen und die Amtsübergabe an seinen Nachfolger regeln. Ilazi hat FOL vor dreieinhalb Jahren mitgegründet, es ist eine der Tausenden sogenannten Nichtregierungsorganisationen im Kosovo, von denen die meisten nichts anderes zu sein scheinen als Fördergeldbeschaffungsmaschinen. FOL indes gehört zu jenem Zehntel, von dem Fachleute annehmen, dass dort tatsächlich irgendeine Art inhaltlicher Arbeit stattfindet. FOL kümmert sich um Bestechung und Bestechlichkeit von Amtsträgern.

Ilazi sagt, er sei irgendwann zu der Überzeugung gekommen, dass dies die größte Gefahr sei für sein Land. Größer als der alte und immer noch gewalttätig ausgetragene Streit zwischen Kosovos Albanern und Kosovos Serben im Norden des Landes, wo die Belgrader Regierung einen größeren Einfluss auf alles hat als die in Pristina. Der Kosovo-Albaner Ilazi will sein Land zurück, und zwar von den eigenen Leuten.

Die Korruption schadet dem Land mehr als der Streit zwischen Serben und Albanern. Lesen Sie weiter auf Seite zwei.

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