Krach um Verbot von Filmfestival : Türkei will keine „perversen“ deutschen Filme

In der Türkei ist ein deutsches LGBT-Filmfest verboten worden. Die deutsche Botschaft hängte daraufhin die Regenbogenfahne über ihren Eingang.

Die Regenbogenfahne über dem Eingang der deutschen Botschaft.
Die Regenbogenfahne über dem Eingang der deutschen Botschaft.Foto: AFP

Gerade war ein wenig Ruhe eingekehrt in den krisengeschüttelten deutsch-türkischen Beziehungen. Die türkische Justiz hatte den Berliner Menschenrechtler Peter Steudtner aus der Haft entlassen, Bundesaußenminister Sigmar Gabriel traf sich mit seinem Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu, um nach dem Dauerstreit der vergangenen Monate einen Neuanfang zu versuchen. Doch jetzt gibt es neuen Krach. Nach einer anti-deutschen Kampagne aus islamistisch-nationalistischen Kreisen hat der Gouverneur der türkischen Hauptstadt Ankara ein deutsches LGBT-Filmfestival verboten. Die deutsche Botschaft in Ankara schmückte das Gebäude der Vertretung darauf demonstrativ mit der Regenbogenflagge.

Für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle (LGBT) weht in der Türkei seit einiger Zeit ein rauer Wind. Seit drei Jahren verhindern die Behörden in Istanbul die traditionelle Gay-Pride-Parade, die in den Jahren zuvor zehntausende von Menschen angezogen hatte und eine der größten LGBT-Veranstaltungen in einem muslimischen Land darstellte. Offene Homosexualität ist in der Türkei nicht verboten, wird aber häufig als Untergrabung der öffentlichen Moral verdammt.

Das LGBT-Filmfestival „Pinkes Leben“ wollte nun zusammen mit der deutschen Botschaft an diesem Donnerstag und Freitag in einem Ankaraner Kino kostenlos vier deutsche Filme aus dem LGBT-Bereich zeigen. Das Vorhaben rief konservativ-islamistische Gruppen auf den Plan, die in der Homosexuellen-Bewegung eine Gefahr für das Land sehen. Dabei wurde deutlich, dass sich die Ablehnung der LGBT-Filme mindestens ebenso sehr gegen Deutschland richtete wie gegen die Queer-Bewegung.

"Perverse Homos"

Die islamistische Zeitung „Yeni Akit“ warnte, „perverse Homos“ wollten ihre Botschaften mit Unterstützung der Deutschen in der Türkei verbreiten. Deutschland unternehme alles, um Ruhe und Ordnung im Land zu erschüttern, kritisierte das Blatt. Mit den vier Filmen solle versucht werden, Homosexualität „und andere Perversitäten“ als normal hinzustellen, schimpfte die Zeitung, die im selben Atemzug auch die deutschen politischen Stiftungen in der Türkei attackierte; türkische Nationalisten werfen den Stiftungen seit Jahren Spionage und Unterstützung von Staatsfeinden vor.

Auf Twitter sprachen islamistisch-nationalistische Gruppen in einer Erklärung gegen das Festival ebenfalls von einem Angriff des „Terror-Unterstützers“ Deutschland auf die Türkei. Die Tatsache, dass die Filme gratis gezeigt werden sollten, zeige die Absicht der Veranstalter, die Werte der türkischen Gesellschaft zu „korrumpieren“. Unter dem Eindruck dieser Kritik schritt das Gouverneursamt von Ankara ein und verbot die zweitägigen Filmvorführungen. Offiziell wurde der Schritt mit einer angeblichen Terrorgefahr und „gesellschaftlichen Empfindlichkeiten“ begründet.

Islamistische Kreise begrüßten das Verbot. LGBT-Tendenzen seien „unnatürlich“ und erforderten eine angemessene „Behandlung“ der Betroffenen statt einer Hinnahme als Normalität, erklärte Mehmet Bayraktutar, Chef von Diyanet-Sen, der Gewerkschaft von Angestellten des staatlichen türkischen Religionsamtes, gegenüber „Yeni Akit“.

Anti-deutsche Ressentiments

Dagegen erklärte der Staatsminister im deutschen Außenamt, Michael Roth, die Freiheit der Kunst und der Minderheiten seien unantastbar. Das müsse auch in der Türkei gelten, schrieb Roth auf Twitter. Er dankte der deutschen Botschaft dafür, dass sie mit der Regenbogenfahne „ganz klar Flagge“ gezeigt habe. Die Organisatoren von „Pinkes Leben“ kritisierten laut der Nachrichten-Website Bianet, das Gouverneursamt habe nicht die Aufgabe, von den Grundrechten geschützte Veranstaltungen zu verbieten, sondern diese zu schützen. Das Haupt-Festival von „Pinkes Leben“, das im Januar in Istanbul und Ankara stattfinden soll, ist von der Verbotsentscheidung nicht betroffen.

Ob und wie sich die anti-deutschen Ressentiments, die in dem Streit um die LGBT-Filme zum Vorschein gekommen sind, auf die Beziehungen zwischen Berlin und Ankara auswirken werden, blieb am Freitag offen. In den vergangenen Wochen war aufgrund neu aufgenommener Kontakte die Hoffnung auf eine gewisse Beruhigung des Verhältnisses aufgekommen.

Nach wie vor sitzen mehrere Bundesbürger in türkischer Haft, darunter der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel und die Übersetzerin Mesale Tolu. Bei Yücel, der seit Februar inhaftiert ist, liegt bisher nicht einmal eine Anklageschrift vor; der Prozess gegen Tolu soll am 18. Dezember weitergehen. Bis dahin wird auch ein Grundsatzurteil des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes zu der Verhaftungswelle in der Türkei erwartet. Einige Beobachter in der Türkei erhoffen sich von der anstehenden Entscheidung der Europarichter die Haftentlassung von Journalisten und anderen Angeklagten.

 

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