Kreuzweise deutsch : Wen die Wahlen schlagen

Weil es keine andere Möglichkeit der Abstimmung gab als die mit den Füßen, verließen bis zum Mauerbau 1961 rund 2,1 Millionen Bürger ihre Heimat DDR. Freie Wahlen waren im anderen deutschen Staat des Teufels. Michael Jürgs hält es für aufklärend hilfreich, daran zu erinnern.

Michael Jürgs
Juergs
Michael Jürgs.Foto: dpa

Schon wegen der sich aktuell wie Schweinegrippe ausbreitenden Verklärung der deutschen Geschichte durch Übertragung per Mundpropaganda. Nicht nur der 8. Mai, Tag der Befreiung von Hitlers Bande, ist eine Feier wert. Auch der heutige 7. Mai. Vor genau 20 Jahren ist zum letzten Mal eine Wahl gefälscht worden. Danach begann die Halbgötterverdämmerung und der Countdown DDR bis zum Mauerfall. Ertrotzt von Hunderttausenden, die in der Diktatur ein anständiges Leben führten, unterstützt aber auch von denen, die noch bis vor kurzem zu den Stützen des Systems gehört hatten. Dass die Wahlergebnisse vom Mai 1989 gefälscht worden waren, wussten sie alle. Gefälscht wurde ausnahmslos und immer bei jeder Wahl. Was über vier Jahrzehnte DDR resigniert oder in ohnmächtig gärender Wut registriert wurde, nahm diesmal das betrogene Volk aber nicht mehr hin. Insbesondere merkte es sich den führenden Genossen Egon, Leiter der Zentralen Wahlkommission, als er via Fernsehen im Mai 1989 rund neunundneunzig Prozent Jastimmen verkündete und verlogen tief gerührt den Wählern für ihr damit bewiesenes Vertrauen in die Führung dankte. Die von Egon Krenz Gelobten, die von ihm und seinesgleichen eh die Schnauze restlos voll hatten, wollten es dem Heuchler heimzahlen. Nicht irgendwann, sondern bald. Gelogen wurde grundsätzlich so lange, bis denen im Großen Haus, wie der Sitz des Zentralkomitees im Parteijargon hieß, ein Ergebnis ins Weltbild passte.

In Dresden zum Beispiel einigte man sich unter Genossen nach zähen Verhandlungen auf eine Wahlbeteiligung von 97,81 Prozent und 2,51 Prozent Gegenstimmen. Wahlbeobachter aus den Kirchengemeinden schätzten, dass in Wahrheit rund 20 Prozent der Bürger die Kandidaten der SED oder der ihr hörigen Blockparteien durchkreuzt haben dürften. Wie stellt man Vergangenheitsverklärer bloß? In dem sie – Vorbild das Andersen-Märchen von des Kaisers neuen Kleidern – lächerlich gemacht werden. Sozusagen mit Witz. Ein für Diktaturen typischer, beliebt einst auch in der DDR: Ein Genosse fragt den anderen: Hast du gehört? Im ZK ist eingebrochen worden. Und? Was haben sie geklaut? Nichts Besonderes. Nur die Wahlergebnisse vom nächsten Jahr (Seite 3).

Michael Jürgs und Angela Elis mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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