Politik : Kritik wegen unklarer Zahlen und Begriffe bei einer Konferenz des AJC

Amory Burchard

Das Ende der Verhandlungen über die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern sei in Sicht, hatte es noch am Donnerstag in Berlin geheißen. Als weiterhin strittige Fragen wurden die Aufteilung des Geldes unter den osteuropäischen Staaten und die Einrichtung des Zukunftsfonds genannt. Bereits bei der nächsten Sitzung in Washington am 7.und 8. März könne es eine Einigung geben, sagten der Regierungsbeauftragte Graf Lambsdorff und sein US-Kollege Eizenstat. Bei einer Konferenz, die das American Jewish Committee (AJC) am Freitag in Berlin veranstaltete, bot sich ein weniger optimistisches Bild.

Schon die Opferzahlen, auf der die bevorstehende Einigung basieren soll, seien falsch. Sowohl der Sprecher der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft, Wolfgang Gibowski, als auch Lothar Evers vom Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte wiesen auf dieses Problem hin. Lothar Evers kritisierte die Bundesregierung und die Stiftungsinitiative, die sich anschickten, "Geld auf Grund von ungesicherten Statistiken zu verteilen". So sei die mit 50 000 angenommene Zahl von antragsberechtigten nicht-jüdischen KZ-Häftlingen aus Osteuropa viel zu niedrig. Außerdem sei es falsch gewesen, Gruppen wie die italienischen Militärinternierten und Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft von vornherein auszuschließen. Bei den Verhandlungen "gut vertreten" seien nur die jüdischen Zwangsarbeiter, sagte Evers. Es sei ein Skandal, dass ein von der Bundesregierung beauftragter Historiker die vorliegenden Zahlen nicht wissenschaftlich recherchiert, sondern "auf Zuruf" festgelegt habe.

Die Sprecherin der Jewish Claims Conference, Alissa Kaplan, verteidigte den jetzt gültigen Verteilungsschlüssel. "Es gibt keine zuverlässigen Zahlen", sagte sie. Und es bleibe keine Zeit, genauere Zahlen zu recherchieren. Wichtig sei die schnelle und effektive finanzielle Entschädigung der größtenteils sehr alten und gebrechlichen Opfer. Der US-Entsandte für Holocaust-Fragen, J.D. Bindenagel, betonte, dass "keine Gruppe nach ethnischen oder religiösen Gesichtspunkten bevorzugt" werde.

Missverständnisse in der Entschädigungs-Diskussion werden auch durch ungeklärte Begriffe hervorgerufen. Der Historiker Ulrich Herbert von der Universität Freiburg kritisierte die Medien. So würden in den "Tagesthemen" der ARD zum Thema "Zwangsarbeit" stets Bilder jüdischer KZ-Häftlinge eingeblendet. "Kerngruppe" für Industrie und Rüstungsproduktion seien jedoch die "ausländischen Zivilarbeiter" gewesen. Irreführend sei auch der häufige Hinweis auf "freiwilligen" Arbeitseinsatz in Deutschland. Ukrainerinnen, die sich seit 1941 zur Arbeit in Deutschland meldeten, seien von den deutschen Behörden genauso schlecht behandelt worden, wie jene, die zur Zwangsarbeit deportiert wurden: Viele mussten in Lagern leben und durften vor Kriegsende nicht nach Hause zurückkehren.

Unterdessen scheinen die osteuropäischen Unterhändler von ihrer Forderung, neun Milliarden Mark aus dem 10-Milliarden-Fonds zu erhalten, abrücken zu wollen. Wenn auch die anderen Verhandlungspartner Zugeständnisse machen würden, könne man im März in Washington zu einem Abschluss kommen, sagte am Freitag der Berater der russischen Delegation, der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum.

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