Künftiger Ministerpräsident von Brandenburg : Dietmar Woidke, der Schäfer

Er wollte nie ganz nach oben. Und bis 2011 war das auch undenkbar. Doch dann wurde Dietmar Woidke Brandenburgs starker Mann. Am Mittwoch soll er Ministerpräsident werden.

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Dietmar Woidke
Dietmar Woidke wird am Mittwoch Brandenburgs neuer Ministerpräsident.Foto: dpa

Es hat ihn fast umgehauen. Viel fehlte nicht und er hätte dagestanden, tränenüberströmt, obwohl diesen langen Kerl von immerhin 1,96 Metern sonst so schnell nichts aus der Fassung bringt. Alle hätten es gesehen.

Das war vor ein paar Tagen, im Festsaal einer Kaserne in Potsdam-Eiche, bei einer sehr märkischen Zeremonie. Eine Combo des Polizeiorchesters spielte einen Song von Karat. „Über sieben Brücken musst du gehn, sieben dunkle Jahre überstehen.“ Vor ihm saßen 70 Herren in blauen Polizeiuniformen. Die Gesichter dem Ernst der Lage angemessen betrübt. Sie waren gekommen, den letzten Worten ihres Chefs zuzuhören, der, nun ja, geht. Nicht wie sein Vorgänger wegen einer Alimenten-Affäre. Sondern, um neuer Ministerpräsident Brandenburgs zu werden.

Dietmar Woidke - Brandenburgs Ministerpräsident
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28.08.2013 09:37Als eine ehrliche Haut gilt Woidke, der früh das Handwerk des Politikers lernte. Er war Amtsleiter, Stadtverordneter, im Kreistag...

Ganz anders als Matthias Platzeck

Tieftraurig. So war Dietmar Woidkes Gemütslage, als sich der 51-Jährige von den Polizeiführern der Mark verabschiedete. Drei Jahre war er Innenminister. Er muss ein guter gewesen sein, wenn nur die Hälfte der Lobeshymnen stimmt, die gesungen wurden. Er hat die verkorkste Polizeireform korrigiert, auf die Fachleute gehört. „Das kannten wir so von keinem Ihrer Vorgänger“, sagte ein Spitzenbeamter.

Der Termin war Woidkes Wunsch gewesen. Mit Müh brachte er die Rede zu Ende, Augen feucht, Stimme brüchig: „Die Polizei ist mir ans Herz gewachsen.“

Es klang sentimental. Wie es das schnell tun kann bei Menschen, die vor Gefühlen zurückschrecken und dann den Ton nicht finden, wenn sie es wollen. Aber da war auch nichts Gekünsteltes. Und vielleicht hatte Woidke auf den Termin gedrängt, um diesen einen Satz zu sagen: „Ich bin in diese Situation gekommen nur durch euch, nur durch eure Arbeit!“

Die „Situation“ ist die, dass er Matthias Platzeck beerben muss, der nach einem Schlaganfall abtritt. Viel früher als geplant, mit 59, für Platzeck ein menschliches Drama, für das Land ein politisches. Ein Jahr vor der nächsten Wahl tritt der charismatische Landesvater ab, den man für den Prototyp eines Brandenburgers hielt und der seiner SPD die Siege sicherte. Bisher. Der nach Klaus Wowereit dienstälteste Länderchef, vielleicht der letzte Ausnahmepolitiker aus dem Osten der Wendezeit. Dem man auch im Westen zuhörte, als „Deichgraf“ bei der Oderflut 1997 bundesweit berühmt geworden, zwischendurch mal kurz SPD-Bundesvorsitzender. Der mit Angela Merkel befreundet ist. Es ist wahrlich eine Zäsur, eine Zeitenwende, die da stattfindet.

Dietmar Woidke kommt aus der Enge der Weite

Nun folgt einer, der anders ist, langweilig wirkt, etwas spröde daherkommt, unprätentiös. Den außerhalb Brandenburgs keiner kennt, im Lande nur jeder Zweite, so dass es erstmals eng werden könnte für die SPD, die seit 1990 alle Landtagswahlen gewann. Woidke selbst staunt vielleicht am meisten darüber, was ihm da widerfährt, was das alles mit sich bringt, und spricht es aus. „Man wird gleich anders angeschaut. Etwas komisch ist das schon.“

Als Platzeck den Rücktritt ankündigte, hat Woidke gebraucht, um den Schock zu verarbeiten. Es war lange auch wirklich nicht vorherzusehen, dass er so weit kommen würde. Andererseits lief zuletzt alles auf ihn zu. Wenn er am Mittwoch im Landtag oben auf dem Brauhausberg in Potsdam vereidigt wird, ist das eine ganz normale Geschichte. Wie erzählt man eine ganz normale Geschichte?

Da ist einer, den alle als ehrliche Haut beschreiben, egal wen man fragt. Der das Handwerk früh lernte, als Amtsleiter, Stadtverordneter, im Kreistag, ein Jahrzehnt lang im Landtag, auf einer der hinteren Bänke wohlgemerkt. Er wurde Minister für Agrar und Umwelt, Chef der Landtagsfraktion, wieder Minister, jetzt für Inneres. Jeden Job erledigte er so gut er es vermochte. Aus Machtkämpfen, Ränkespielen, klassischen Parteiritualen hielt er sich raus. So machte er sich keine Feinde. Er wollte, was man ihm abnehmen darf, nie ganz nach oben. Vielleicht blieb er deshalb als Einziger übrig. Dieser Landwirtssohn aus der tiefsten märkischen Provinz, der einst aus der Enge der Weite aufgebrochen war, ohne je wirklich wegzugehen.

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