Kulturaustausch : Hobel statt Worte

Die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit bringt Schreiner aus europäischen und arabischen Ländern zusammen - und betritt damit Neuland. Auch das Goethe-Institut setzt immer stärker auf gemeinsam gestaltete Projekte.

Andrea Nüsse

KairoAnas Ghouat schnitzt an einem Holzornament. Der 27jährige Schreiner aus Marrakesch muss sich ranhalten. „Wir machen alles in Handarbeit, selbst die ägyptischen Kollegen benutzen viel mehr Maschinen“, stellt der junge Mann fest, der in seiner Familie bereits in fünfter Generation das Handwerk weiterführt. Sein Vater Ahmed schmirgelt an einem anderen Teil der großen traditionellen Holztür, welche die insgesamt drei marokkanischen Schreiner innerhalb von zwei Wochen in Kairo fertig stellen wollen. Zwölf Schreiner aus Portugal, Spanien, Marokko und Ägypten sind zu einem Workshop in Kairo zusammengekommen, um jeweils eine landestypische Holztür zu gestalten. Während die Marokkaner viel schnitzen, sägen die Ägypter die geometrischen Ornamente aus. Doch die traditionellen Türklopfer, die am Ende angebracht werden sollen, sind kaum zu unterscheiden: Vier kleine Hände aus Metall.

Das Projekt „Offene Türen für Handwerk und Dialog“ der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Ägypten betritt Neuland. Statt einfacher Berufsausbildung steht bei diesem Projekt die Kommunikation und Zusammenarbeit von Handwerkern aus vier Mittelmeeranrainerstaaten im Mittelpunkt. „Wir wollen das Gemeinsame betonen“, sagt der GTZ-Leiterin in Kairo, Marlies Weißenborn. Bei den Podiumsdiskussionen zum Dialog zwischen den Kulturen säßen immer die gleichen „Verdächtigen“ – hier würde ein Austausch über das gemeinsame Handwerk stattfinden. Über den gemeinsamen Arbeits- oder Lernprozess komme man sich auf gleicher Augenhöhe näher. Die Idee sei ihr beim Besuch der Ausstellung „Ibn Khaldun“ in Spanien gekommen, in welcher der Austausch von Ideen und Wissen über das Mittelmeer hinweg im Mittelpunkt stand.

Damit liegt die GTZ im Trend. Auch die Goethe-Institut setzen immer stärker auf gemeinsame gestaltete Projekte statt rein deutsches Kulturgut einzufliegen. Das jüngste Projekt unter dem Titel „Beyond Bounderies“ hat Designer aus Deutschland und Ägypten zusammengebracht, die sich mit der Rolle von Tradition in ihrer Arbeit auseinandersetzen. Und auch das Auswärtige Amt will in der arabischen Welt eine neue Kulturinitiative starten, bei der neben dem Ausbau der Auslandsschulen gemeinsame Kulturprojekte von Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen im Mittelpunkt stehen. „Sie sollen den Islamdialog nicht ersetzten, sondern ergänzen,“ erklärt Staatssekretär Georg Boomgarden,

Und der Austausch funktioniert erstaunlich gut. Am ersten Tag des Workshops in Kairo haben alle Handwerker beim Zusammensetzen der Einzelteile der marokkanischen Tür geholfen. Ein Portugiese spricht Englisch, die Marokkaner Französisch, mit den Ägyptern kommunizieren sie in Arabisch. Dennoch will Anas Ghouat nach dieser Erfahrung weitere Sprachen lernen. Und möglicherweise eine Schule aufmachen. „Die Kollegen aus Spanien und Portugal unterrichten alle in Berufsschulen – das hat mich auf die Idee gebracht“. Damit will er das Wissen über das traditionelle Handwerk und seine Techniken erhalten – und gleichzeitig die eigene Familientradition. „Wir sind eine der bekanntesten Schreinerfamilien Marrakeschs, aber in meiner Generation arbeiten nur noch vier Leute als Tischler.“ Neben dem Austausch erreicht das Projekt so auch ein zweites Ziel: Die Stärkung des traditionellen Handwerks.

Die vier Türen werden zum Abschluss in einem quadratischen Ausstellungspavillon gezeigt, den die Tischler selbst anfertigen. Ab Februar wird er im Al-Azhar-Park in Kairo zu sehen sein. Danach soll die Ausstellung in alle beteiligten Länder und nach Deutschland wandern. Auch über die zwei portugiesischen und drei spanischen Berufsschulen, die Teilnehmer entsandt haben, werden die Erfahrungen weitergegeben. Ein Nebeneffekt für die GTZ ist, dass ihre Arbeit einmal deutlich sichtbar wird. Denn die traditionellen Projekte im Wassermanagement oder bei der Rehabilitierung von Stadtvierteln bieten meistens keine spektakulären Aha-Erlebnisse. Weißenborn will das so nicht sagen, freut sich aber auch, „dass wir mal etwas richtig Schönes machen.“

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