Politik : "Ländlicher Raum im 21. Jahrhundert": Die Zukunft des Dorfes liegt in der Stadt

Klaus Töpfer

Wir befinden uns mitten in einer städtischen Revolution. Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt bereits in Städten. In Europa, Nordamerika und Japan liegt dieser Anteil der Stadtbevölkerung schon bei etwa 80 Prozent, und in vielen Ländern Südamerikas bei 70 Prozent. Andererseits lebt die Mehrheit der Bevölkerung Afrikas und Asiens weiterhin im ländlichen Raum, aber auch dort mit starken Abwanderungen in die Städte.

Lange Zeit hat die Entwicklungspolitik die Stadt und das Land als sich gegenseitig ausschließende Lebens- und Wirtschaftsbereiche betrachtet. Diese Anschauung hat zu gegensätzlichen Interessenbereichen geführt und zu unterschiedlichen Ansätzen in der Entwicklungszusammenarbeit. Die dahinter stehende Philosophie war häufig anti-städtisch, oftmals getragen von einer Idealisierung des ländlichen Raumes, und begleitet von einem allgemeinen Bedauern über den angeblichen Verlust ländlicher Lebensformen. Demgegenüber macht sich zunehmend eine pro-städtische Haltung bemerkbar, die Verstädterung als einen progressiven Faktor begreift, wichtig für technologische Innovation, wirtschaftliches Wachstum, sozialen und politischen Wandel.

Diese Grundhaltung hat dazu geführt, dass der überwiegende Teil der von westlichen Ländern finanzierten Entwicklungsprojekte sich auf die Stärkung des ländlichen Raumes konzentrierte, da Städte als weniger förderungswürdig betrachtet wurden. Dieser Grundsatz wird auch heute noch von der Annahme geleitet, dass ländliche Armut in besonderem Maße durch fehlgeleitete politische Prioritäten herbeigeführt wurde, die den landwirtschaftlichen Sektor im Allgemeinen und die arme Landbevölkerung im Besonderen zu Gunsten der städtischen Bevölkerung vernachlässigen. So wird die weiter anhaltende Abwanderung in die Städte als direktes Ergebnis dieser vordergründig falschen Prioritäten gesehen.

In den letzten zwei Jahrzehnten und besonders seit dem Städtegipfel der Vereinten Nationen (Habitat II) in Istanbul im Jahre 1996 nimmt das Bewusstsein zu, dass städtische und ländliche Entwicklung stark miteinander verknüpft sind. In der Diskussion nachhaltiger Entwicklung und der Umsetzung von lokalen Agenda 21 wird die gegenseitige Abhängigkeit von Stadt und Land immer stärker bewusst. Verstädterung ist nicht nur das Ergebnis von Wanderungsbewegungen weg vom Land in die Stadt, sondern Ausdruck eines tiefgehenden gesellschaftlichen Wandels der postindustriellen Gesellschaft. Hinzu kommt, dass stärkeres Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge und Verknüpfungen uns klar machen, wie sehr Produktions- und Konsummuster im städtischen und ländlichen Raum ineinander greifen. Die komplexen Zusammenhänge von Wasser- und Energieversorgung, Entsorgung, Verkehr, Naherholung, Marktversorgung und Industrieansiedlung werden uns täglich vor Augen geführt. Die "ökologischen Fußabtritte" urbaner Lebensformen und Bedürfnisse im Norden wie auch im Süden werden sich in der Zukunft noch weiter ins Umland ausbreiten. Beispiele dafür sind die Wasserversorgung von Johannesburg, die überwiegend vom Nachbarland Lesotho geleistet wird, sowie die seit Jahrzehnten bestehende Versorgung der Stadtregion Stuttgart durch den Bodensee. Ähnliches gilt für die städtischen Entsorgungsfunktionen wie Abwasser oder Müllbeseitigung, die immer weiter ins Umland eingreifen. Urbane Lebensformen und Konsumverhalten der Megastädte im Norden wie London oder New York, haben weltweite Auswirkungen auf Landwirtschaft und Ökologie, die die direkten Beziehungen Stadt-Umland bei weitem sprengen.

Wir können also mit gutem Gewissen behaupten, die Stadt-Land-Kontroverse ist nicht mehr zeitgemäß und hat als Planungs- und Entwicklungsdogma ausgedient. Sowohl auf nationaler Ebene wie in der internationalen Diskussion gibt dieses Schema nicht mehr viel für eine progressive Entwicklungs- und Investitionspolitik her. Das von vielen Seiten in die Diskussion gebrachte Bild einer Welt der Zukunft als "global village" ist ergänzungsbedürftig: Trotz verbesserter Kommunikation führt die Globalisierung nicht zu einer Uniformisierung städtischer und ländlich bestimmter Lebensformen, sondern zu neuen und eigenen Identitäten in allen Regionen der Welt. Wir müssen der verstärkten Mobilität der Menschen, der modernen Kommunikationstechnik und der Globalisierung von Produktion und Handel entgegenkommen, die die traditionellen Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Lebensformen auflösen. Das braucht auch andere Formen von kommunaler Verwaltung und von Planungsinstrumenten, die die städtischen Verwaltungsgrenzen überschreiten. Wir sind in vielen Ländern der "Dritten Welt" seit Jahren auf dem Weg, Verwaltungsreformen im Sinne von Dezentralisierung und Stärkung kommunaler Planungsverantwortung in dieser Richtung zu unterstützen.

Es wird zunehmend klar, dass viele Dörfer von heute die Städte von morgen sein werden, als Ergebnis eines Strukturwandels, der die herkömmlichen agrarischen Produktionsformen für die Mehrheit der Bevölkerung in den Hintergrund treten lässt. Wir werden Zeugen einer Verstädterung des ländlichen Raumes, wie auch einer "Verländlichung" der Städte, was Funktionen und Sozialgefüge betrifft. In vielen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas werden Modernisierung landwirtschaftlicher Produktion, Verbesserung von Infrastruktur und Kommunikation die Unterschiede von Stadt und Land immer mehr verwischen. Auf der anderen Seite wird eine weitere Zunahme von städtischer Landwirtschaft für Eigenversorgung und Marktgartenbau vor allem in den rasch wachsenden Städten der "Dritten Welt" zu beobachten sein. Es ist also zu erwarten, dass die Zukunft der Dörfer weniger "dörflich", sondern mehr von der Verknüpfung mit anderen Siedlungen und Regionen bestimmt sein wird. In einer globalisierten Welt besteht allerdings die Gefahr, dass arme ländliche Regionen in vielen Ländern der Dritten Welt zunehmend isoliert werden, auch innerhalb ihrer eigenen Länder, wenn wir ihre Verknüpfung mit Marktzentren und Städten durch Ausbau von Infrastruktur und Kommunikation nicht mehr verstärken. Da in den meisten Ländern der Dritten Welt eine Subventionierung der agrarischen Produktion nach westlichem Muster kaum denkbar ist, wird weitere Verarmung des ländlichen Raums bei ansteigenden Bevölkerungszahlen auch in Zukunft die Abwanderung in Städte fördern. Hier ist eine enge Verknüpfung von städtischer und ländlicher Wirtschafts- und Lebensform als politisches Ziel von Raumordnung und Entwicklungspolitik gefordert.

Die mit der zunehmenden Verstädterung verbundenen Probleme und Erfordernisse für die Zukunft sind bereits im Juli in Berlin auf der internationalen Konferenz der Bundesregierung "Urban 21" diskutiert worden. Bei dieser Gelegenheit hat der Generalsekretär der Vereinten Nationen daran erinnert, dass gut funktionierende Städte auch wichtig für die Zukunft der ländlichen Entwicklung sind. Einen Monat vorher haben sich Interessenvertreter und Fachleute aus vielen Teilen der Welt in Potsdam auf dem Kongress "Rural 21" getroffen, um sich über die Ziele einer zukünftigen Agrarpolitik zu verständigen. Es ist zu hoffen, dass der "Globale Dialog zur Zukunft des Dorfes" auf der Expo 2000 in Hannover in dieser Woche weitere Richtungen auch für die internationale Entwicklungspolitik aufzeigen wird, was die Zukunft des ländlichen Raumes im Kontext weltweiter Verstädterung betrifft.

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