Politik : Längere Ladenöffnungszeiten: Der Preis des Konsums (Gastkommentar)

Kostas Petropulos

Frau Schneider muss jetzt aber wirklich los. Ihr Mann kommt auf den letzten Drücker. Schon wieder Überstunden, weil im Betrieb ein dringender Auftrag zu erledigen war. Die Zeit reicht gerade noch für einen kurzen Lagebericht: Die dreijährige Martina ist mit einem Magen-Darm-Infekt aus dem Kindergarten zurückgekommen und ihr Bruder Thomas muss als frisch gebackener Grundschüler noch einen Lesetext üben. Dann rein in den Bus, um Punkt 17 Uhr 30 im Laden einzulaufen. Nicht weil es schnell ein paar Besorgungen zu erledigen gilt, sondern um bis 22 Uhr hinter der Ladenkasse zu sitzen. Die geschätzten Kunden, so hatte ihr der Filialchef kürzlich erklärt, wollen heutzutage ohne Hetze länger einkaufen. Statt vormittags habe sie nun deshalb spätabends und am Samstagnachmittag zu erscheinen. Selbstverständlich stehe es ihr völlig frei, den neuen Zuschnitt ihres Teilzeitjobs zu akzeptieren oder sich etwas Besseres zu suchen.

So oder so ähnlich dürfte es Müttern künftig in vielen Einzelhandelsgeschäften ergehen, wenn der jüngste Vorstoß der Bundesländer für längere Ladenöffnungszeiten durchkommt. Natürlich haben sie dabei nur das Beste für die Konsumenten und den Dienstleistungsstandort Deutschland im Sinn. In einer modernen Gesellschaft sei die Bevormundung der Bürger durch ein Ladenschlussgesetz nicht länger akzeptabel. Gerade im angelsächsischen Ausland werde dieser deutsche Anachronismus schon seit Jahren nur kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen. Bedauerlicherweise profilierten sich aber die schwindsüchtigen Kirchen und Gewerkschaften weiterhin als verstockte Modernisierungsverweigerer. Was unsere Kämpfer für den entfesselten Konsumenten allerdings nicht zur Kenntnis nehmen, ist die Tatsache, dass sie dabei sind, ein Beispiel für praktizierte Familienfeindlichkeit zu liefern. Denn mehr als 70 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel sind Frauen. Davon über die Hälfte Mütter.

Und derzeit tobt ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb in der Branche. Vor diesem Hintergrund ist sonnenklar, dass bei der Ausdehnung der Ladenöffnungszeiten bis in die Nacht und am Samstag spezielle Rücksichten auf die Arbeitszeitwünsche von Müttern nicht drin sind. Tiefe Eingriffe in ihr Familienleben sind so programmiert. Statt mehr gemeinsamer Zeit mit Kindern (und Mann), dürfte die persönliche Zuwendung noch knapper werden. Dabei ist genau das Gegenteil erforderlich - und zwar auch aus gesamtgesellschaftlichem Blickwinkel heraus.

So hat eine repräsentative Umfrage Ende 1999 bei Acht- bis Zwölfjährigen ergeben, dass 94 Prozent von ihnen ihre Eltern öfter sehen möchten. Eine jüngst im Auftrag des Bundesfrauenministeriums veröffentlichte Meinungsumfrage von Allensbach ließ bei der großen Mehrheit der Frauen den Wunsch erkennen, mehr Zeit mit ihrem Nachwuchs zu verbringen. Experten halten das für dringend geboten, wenn sie auf massive Bindungsstörungen zwischen Eltern und Kindern in erheblicher Zahl verweisen. Von der häufig vernachlässigten Beziehung zwischen den Ehepartnern selbst gar nicht zu reden. Mehr Zeit für Kinder würde tatsächlich auch der gebetsmühlenhaft wiederholten Forderung vieler Politiker entsprechen, angesichts wachsender Jugendgewalt und -kriminalität, von Drogenkonsum und Rechtsradikalismus immer wieder die Verantwortung der Eltern einzufordern.

Dass gerade ostdeutsche Politiker nun die Phalanx anführen, die den Ladenschluss letztlich abschaffen will, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Fähigkeit, aktuelle Fehlentwicklungen in ihren Ursachen sorgfältig zu analysieren. Die Berufung auf das Recht der Konsumenten, möglichst rund um die Uhr einzukaufen, ist ihnen ganz offenkundig wichtiger als der unverzichtbare Schutz der Rechte der Kinder und ihrer Eltern. Derer erinnern sie sich bestenfalls am bevorstehenden Weltkindertag oder am Tag der Familie im Mai.

Exakt dieses faktische Ideal von der "betriebsfreundlichen Familie" meinen die Fachleute unter anderem, wenn sie von "struktureller Rücksichtslosigkeit" sprechen. Sie macht das Zusammenleben mit Kindern in diesem Land von Tag zu Tag schwieriger. Das ganze Vorhaben ist ein weiterer Mosaikstein (nicht nur) zur Verschärfung der aktuell diskutierten "demographischen Krise" mit ihren weitreichenden Folgen für die sozialen Sicherungssysteme, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und letztlich die politische Stabilität des Landes. Immerhin scheint man das wenigstens in Bayern, das ja alles andere als unternehmensfeindlich ist, begriffen zu haben, wie die Ablehnung der Länderinitiative durch Familienministerin Barbara Stamm signalisiert.

Hoffentlich ahnen auch noch andere Politiker, dass der Markt nicht nur die Familien, sondern jedes Gemeinwesen zerstört, wenn er mit Blick auf die gesamtgesellschaftlichen Notwendigkeiten nicht begrenzt wird.

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