Politik : Lafontaine, Gysi und Bisky (Leitartikel)

Bernd Ulrich

Gregor Gysi und Lothar Bisky wollen aussteigen. Oskar Lafontaine ist schon weg. Von Joschka Fischer hört man, lauter denn je, er sei amtsmüde. Und selbst der Kanzler klagt, dass er sich den Job dermaßen anstrengend nicht vorgestellt hat. Woher kommt diese Erschöpfung noch gar nicht so alter Polit-Stars? Warum sind die Politiker politikverdrossen?

Sie selber geben allerlei Gründe an. Für Oskar Lafontaine war der teamunfähige Gerhard Schröder schuld - der allerdings seit Lafontaines Rückzug recht teamfähig geworden ist. Bisky und Gysi behaupten, die PDS sei jetzt endlich so weit, ohne ihre Vorleute auszukommen. Das ist, bei allem Respekt, Unfug. Die PDS befindet sich auf einem Weg zurück in die Vergangenheit. Allenfalls Bisky und Gysi könnten das stoppen. Fischer darf nicht weg, gibt aber Begründungen ab, warum er gern gehen würde. Wegen der Grünen, sagt der Grüne.

Gemessen daran, wie klug die Herren gewöhnlich analysieren, wirken die Begründungen für ihre Rückzüge, ob bereits vollzogen oder erst in Aussicht, etwas dürftig. Sie bemühen sich, politisch zu erklären, was so politisch gar nicht ist. Lafontaine, Gysi, Bisky und Fischer sind Stars. Sie unterliegen denselben Gesetzmäßigkeiten wie Schauspieler, Entertainer und Fußballer. Mit einem entscheidenden Unterschied: Gewöhnliche Stars nehmen sich Auszeiten von dem recht mörderischen Geschäft, als Projektionsfläche dienen zu müssen. Sie ziehen sich ab und an zurück vom Anspruch, unablässig interessant zu sein, immer neu zu scheinen und dabei stets die Alten zu bleiben. Für Polit-Stars gibt es diese Auszeiten nicht. Außer: für immer.

Die verzweifelten Vier haben zudem ein aufreibendes Jahrzehnt hinter sich. Die deutsche Einheit wurde für Lafontaine zu einem Niederlagen- und Attentatstrauma. Gysi und Bisky mussten eine totalitäre Partei ins Demokratische wenden, was sicherlich zu den schwersten politischen Aufgaben zählt, die es überhaupt gibt. Und Joschka Fischer musste aus dem Tagtraum einer Generation eine traumlose Regierungspartei formen.

Man könnte über all das die Achseln zucken: Na und? Das Leben ist hart, diese ganzen Hedonisten sollen sich bloß nicht so anstellen. Doch das ist zu leicht. Dass diese Politiker auch noch leben wollen - eine Oper hören ohne Stress, wie Gysi es ausdrückte, oder sich dem eigenen Sohn widmen, wie es Lafontaine formulierte -, das kann man ihnen kaum vorwerfen. Schon weil wir alle so sind, weil wir nicht mehr zölibatär leben möchten und nicht in einer lebenslänglichen Tag-und-Nacht-Disziplin. Dieser Geist ist nicht links, er ist der Zeitgeist.

Natürlich, man kann alles schaffen, wenn man glaubt. Egal an was. Und wenn man ein Ziel hat. Welches auch immer. Ein Ziel aber haben sie alle nicht mehr. Lafontaine wusste, dass der Rest seiner Ideale die Regierungspolitik störte, dass das einzige was zwischen ihm und dem totalen Zynismus stand, ein Häuflein Überzeugungen war, die er aus den 80er Jahren übrig behalten hatte. Und Joschka Fischer hat nicht die geringste Vorstellung, wie seine Partei in zehn Jahren aussehen könnte. Sein persönliches Karriereziel hat er erreicht. Auch so enden Wünsche. Indem sie Wirklichkeit werden.

Gysi und Bisky könnten vorerst keine Bundesminister werden - selbst wenn sie es wollten. All ihr Streben ging darauf hinaus, aus der PDS eine etwas linkere SPD zu machen. Die Selbstaufhebung - ein gutes Ziel, aber offenbar keines, das trägt. Vier Leben ohne Entwurf, auch das ist zeitgemäß und lebbar. Nur müssen Polit-Stars ständig dementieren, dass sie keine Entwürfe haben. Sie sind der Sinnersatz ihrer Wähler, Zukunftsclowns unserer Talkshows. Das ist in der Tat ziemlich anstrengend.

Was hat die Republik verloren, wenn sie diese vier verliert? Die Politik verliert an Kontur und die Gesellschaft ein paar Menschen, deren Beruf nur noch zu einem kleineren Teil das Problemelösen ist, weil die Probleme zu kompliziert und die Politik zu ohnmächtig geworden sind. Politik muss heute Sinn simulieren und Zukunftsgestaltung fingieren. Das wird schwieriger, wenn sie ihre besten Schauspieler verliert.

Gibt es eine Moral in dieser Geschichte? Ja, für den Nachwuchs: Ohne Ziele wird einem der Weg lang. Mindestens in der Politik.

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