Landgrabbing : Wettrennen um Nahrungsmittel in der Zukunft

Was ist Landgrabbing und wo findet es statt?

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Vor zwei Jahren hat die „International Land Coalition“ (ILC), ein Bündnis aus 116 Organisationen, zu denen auch die Weltbank gehört, eine gemeinsame Definition von „Landgrabbing“ veröffentlicht. So werden demnach Landkäufe bezeichnet, die Menschenrechte verletzen oder bei denen die bisherigen Landnutzer nicht ausreichend über ihre Rechte und über die Folgen der Verkäufe informiert wurden. Sie greift auch, wenn versprochene Entschädigungen ausbleiben oder den Verkäufen kein demokratischer Prozess mit unabhängigen Gutachten vorangegangen ist.

Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Oxfam wurden seit dem Jahr 2001 in Entwicklungsländern rund 227 Millionen Hektar Land verkauft – eine Fläche etwa so groß wie Westeuropa. Besonders stark ist Afrika von Landkäufen betroffen – wie viele dabei unter den oben genannten Umständen erfolgen, lässt sich nicht beziffern. Die Land Matrix, eine Datenbank, die seit ihrer Gründung 2012 Informationen über weltweite Landkäufe und -verkäufe sammelt, listet auf Platz eins der „Zielländer“ den Südsudan. Hier wurden knapp über vier Millionen Hektar Land an Unternehmen verkauft, investiert haben unter anderem Norwegen, die USA und Saudi-Arabien. Auf Platz zwei und drei der beliebtesten Investitionsländer folgen laut der Datenbank Papua-Neuguinea mit knapp unter vier Millionen verkauften Hektar und Indonesien mit 3,5 Millionen Hektar. In Indonesien werden die riesigen Flächen vor allem zum Anbau von Palmölplantagen genutzt. Dieses Öl wird unter anderem für Biokraftstoffe verwendet, Nachfrage und Anbau steigen rasant.

Die meisten Investoren weltweit kommen aus den USA, gefolgt von Malaysia und den Arabischen Emiraten. Auch Saudi-Arabien gehört laut Land Matrix zu den Top-Ten-Investoren. Dass dieser wüstenreiche, aber sehr wohlhabende Staat Land in Massen kauft, zeigt eine Entwicklung deutlich: Länder mit schlechten landwirtschaftlichen Bedingungen wollen sich für die Zukunft Nahrungsmittelsicherheit kaufen. Die Weltbevölkerung wird – so wird erwartet – bis 2050 auf neun Milliarden Menschen anwachsen. Diese Bevölkerung hat einen steigenden Bedarf an Produkten, die landwirtschaftliche Produktion wird sich nach Schätzungen bis 2050 verdoppeln. Land erscheint demnach als eine gute und sichere Investition. Oxfam listet in einem Bericht die Probleme auf, die solche Verkäufe mit sich bringen. Häufig werden bisherige Landnutzer vertrieben oder nicht angemessen für den Verlust des Landes entschädigt. Der lokalen Bevölkerung fehlt der Zugang zu Land, Essen und Wasser. Hinter der gesamten Diskussion verbirgt sich die Frage: Wem soll Land gehören? Auch in Europa kommt es zu immer stärkerer Konzentration von Landbesitz. In Spanien verfügen nach Ergebnissen einer Studie von Via Campesina, einem internationalen Bündnis von Kleinbauern, zwei Prozent der Landbesitzer über die Hälfte aller Flächen. In der Ukraine besitzen einige Oligarchen mehrere hunderttausend Hektar Land.

Auch für Osteuropa interessieren sich laut der Studie ausländische Investoren: In Bulgarien investieren unter anderem China, Kuwait und Katar, in Rumänien steckt Kapital aus dem Libanon, aus Nordeuropa und Kanada.

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