Politik : Lebensqualität und Ladenöffnungszeiten im Ameisenstaat

Gerd Appenzeller

Als die gläsernen Eingangstüren den Weg frei gaben, klatschten viele Kunden spontan Beifall." Mit diesem Satz beginnt ein Text der Deutschen Presse-Agentur über die umstrittene sonntägliche Ladenöffnung des Kaufhofs am Alexanderplatz. ". . .und so begann der Tanz um das goldene Kalb", mag der Kulturkritiker anfügen. Genau so gegensätzlich sind auch die Positionen landauf, landab. Mehr als 50 000 Kunden an einem Nachmittag und deutlich mehr Umsatz als an einem normalen Werktag mit doppelt so langer Öffnungszeit - da muss man (zumindest im Moment) über die Frage nicht mehr streiten, ob sich der Aufwand lohnt. Von Verlotterung der Sitten sprechen hingegen die Gewerkschaften, und sie haben mit ihrem harschen Urteil beileibe nicht in erster Linie die gefährdete Sonntagsruhe im Sinn, um die es den Kirchen geht, sondern den Widerstand gegen allzu viel Flexibilität auf Kosten geplagter Verkäuferinnen.

Eines steht dabei vermutlich jetzt schon fest: Mit dem Ladenschluss wird es enden wie mit anderen überholten Regelungen, die nicht rechtzeitig reformiert, sondern so lange erbittert verteidigt wurden, bis sie vollends unhaltbar waren. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Reiz des Neuen auf Dauer sein wird oder sich unsere Spaßgesellschaft in vier Wochen mit ähnlicher Begeisterung einem Sturm gegen ganz andere Konventionen widmen wird. Aber müssen wir das einfach hinnehmen? Lohnt es nicht, ein Stopp-Zeichen zu setzen?

Hätten sich die Gewerkschaften vor zehn Jahren auf einen Kompromiss eingelassen, der den Verbraucher nicht gängelt, würde heute niemand mehr von Ladenöffnungszeiten sprechen. Wer von Montagmorgen bis zum Sonnabendabend einkaufen darf, kann sein Geld nicht auch noch am Sonntag ausgeben. Aber das ist der Schnee von gestern. Liegt in der Aufgabe jeder Reglementierung beim Ladenschluss vielleicht wirklich die Lösung? Reicht es nicht, wenn die Mehrheit am Sonntag nicht arbeiten muss? Brauchen wir diesen Tag heute noch für die "seelische Erhebung"? Was für ein zopfiger Begriff! Er klingt, als sei er aus dem Jahrzehnte währenden Schlummer in einem verstaubten Kirchenbuch herausgerissen worden, und vermutlich haben ihn die wenigsten der 50 000 sonntäglichen Kunden vom Alexanderplatz jemals gehört. Tatsächlich ist die "seelische Erhebung" so ehrwürdig, wie sie anmutet. Wir finden sie im Artikel 140 des Grundgesetzes verborgen, in dem einige Artikel der Verfassung von Weimar weiterleben. In einem davon heißt es: "Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt."

Den unternehmungslustigen Kaufleuten vom Alexanderplatz ist wahrscheinlich nicht bewusst, dass sie eigentlich einen sehr tiefsinnigen Verfassungsartikel ins Visier nehmen, wenn sie auf das völlig überholte Ladenschlussgesetz zielten. Aber auch, wenn uns die seelische Erhebung lächerlich dünkt, dürfen wir darüber nachdenken, was das bedeutet. Mit der Religion hat sie nur noch bedingt zu tun. Die - weltliche - Verfassung gibt uns mit diesem Artikel nur das Recht, einen Tag in der Woche nicht über Geld und Karriere nachzudenken, sondern etwas für uns zu tun oder, zum Beispiel, mit Menschen zu reden, die uns brauchen oder die sich einfach nur freuen, dass wir für sie Zeit haben. Der Sonntag ist nach diesem Verständnis - und das klingt nun plötzlich überhaupt nicht mehr altbacken - der Tag der Woche, an dem wir in erster Linie etwas dürfen und nicht etwas müssen. Und da dieses Recht an diesem einen Tag eigentlich für alle gilt, die nicht zwingend zum Nutzen der anderen zu arbeiten haben, ist es ein besonders wichtiges, nämlich ein Gemeinschaft stiftendes Grundrecht.

Vermutlich nähert sich eine Gesellschaft, die Lebensqualität vorrangig an Ladenöffnungszeiten misst und den Zustand der "seelischen Erhebung" belächelt, dem Ameisenstaat mehr an, als ihr gut tut. Die Globalisierung sollte jedenfalls nicht als Ausrede dafür herhalten, wenn wir uns eines etwas altmodischen klingenden Begriffes schämen oder ihn gar nicht mehr kennen. Genau betrachtet, ist er ja sehr zeitgemäß - und in einer Zeit, in der sich viele Menschen allein gelassen und ziellos fühlen, vielleicht sogar viel wichtiger als früher.

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