Politik : Lerne und zahle

STUDIENGEBÜHREN

Anja Kühne

Studiengebühren sind ein Reizwort in Deutschland. Bei der Demonstration der Berliner Hochschulen kam es darüber gerade zu einer Rangelei. Studenten versuchten, dem Präsidenten der Freien Universität eine Krone, ein Zepter und einen Reichsapfel zu überreichen. Mit der Aktion wollten sie ausdrücken, dass sie den Präsidenten für anmaßend halten. Warum? Der Mann, dessen Worte gegen die Sparpolitik Berlins in Pfiffen untergingen, hatte sich unlängst für Studiengebühren ausgesprochen.

Viele Menschen reagieren sehr sensibel auf die Vorstellung, Bildung könnte zu einer Ware werden, die sich nur Besserverdienende leisten können. Um einer solchen Bevorzugung einen Riegel vorzuschieben, hat die Bundesbildungsministerin Studiengebühren für das Erststudium bundesweit verboten, es sei denn, jemand studiert allzu lange.

Die Debatte ist damit aber keineswegs beendet. Sechs Bundesländer klagen jetzt in Karlsruhe gegen das Hochschulrahmengesetz. Die Diskussion geht auch weiter, weil die deutschen Massenuniversitäten unterfinanziert sind. Auf einen Professor kommen in manchen Fächern mehr als 200 Studenten. Viele brechen ab oder brauchen acht Jahre bis zum Abschluss. Unter der Unterfinanzierung leidet aber auch die Qualität der Forschung. Vielerorts sind die Labore museumsreif. Nur noch selten haben deutsche Universitäten Nobelpreisträger in ihren Reihen.

Mit all dem darf sich das Land nicht abfinden. Denn der globale Wettbewerb wird mit Bildung und Wissenschaft gewonnen oder verloren. Das sagen die Experten, und das weiß auch die Bundesregierung. Sie strebt deshalb an, dass in Zukunft nicht 30, sondern 40 Prozent eines Jahrgangs studieren. Die Hochschulen könnten also noch voller werden.

Müssen sich die Studenten unter diesen Umständen nicht doch an den Kosten ihrer Ausbildung beteiligen? Bildung ist eine wertvolle Ressource, in die es sich zu investieren lohnt. Akademiker verdienen meist besser und haben ein geringeres Risiko, arbeitslos zu werden. Und durch ein Studium lässt sich noch mehr gewinnen als Geld und hochwertige Arbeit. Studenten erwerben an der Hochschule geistiges, kulturelles und soziales Kapital, aus dem sie ein Leben lang schöpfen können. Es kann nicht gerecht sein, wenn die Krankenschwester dem Chefarzt das Studium finanziert.

Sollte Karlsruhe das Gesetz kippen, könnten die Bundesländer so hohe Gebühren verlangen, wie sie wollen. Doch Studenten sind noch keine Chefärzte. Wo sollten sie das Geld hernehmen? Die Kinder der Besserverdienenden müssten ihre Eltern darum bitten. Sozial Schwache bekämen sicher Stipendien. Schwierig würde es aber für die breite Mittelschicht, auf deren Studierwilligkeit die Gesellschaft besonders angewiesen ist.

Der beste Weg aus dem Dilemma sind nachträgliche Gebühren. Erst, wer berufstätig ist und genug verdient, beginnt, seine Schulden in Raten zu begleichen. So funktioniert es in Schottland, wo die Absolventen etwa 3000 Euro zurückzahlen. In Deutschland ist das Prinzip vom Bafög bekannt. Es wird bereits in einigen Parteien diskutiert. Natürlich dürften mit den Studiengebühren auf keinen Fall Haushaltslöcher gestopft werden. Das Geld müsste in die Bildung fließen. Ein Teil sollte der Universität zustehen, an der ein Absolvent studiert hat. Die könnte so ihre Lehre und damit auch ihren Ruf weiter verbessern.

Solche nachgelagerten Gebühren wären gerechter als ein kostenfreies Studium. Studenten, die auch diese Lösung ablehnen, müssen sich nicht wundern, wenn ihnen eines Tages eine verärgerte Krankenschwester versucht, Krone und Zepter in die Hand zu drücken.

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