Libyen : Erbitterte Kämpfe nach der Stunde Null

Martin Gehlen hat sich nach Tripolis durchgeschlagen. Dort ist das System Gaddafi Geschichte, aber der Despot lebt: Die Kämpfe in Libyen gehen weiter.

von
Einlieferung eines Angeschossenen in das Shara-Zawiyah-Krankenhaus.Alle Bilder anzeigen
Foto: Katharina Eglau
25.08.2011 15:04Einlieferung eines Angeschossenen in das Shara-Zawiyah-Krankenhaus.

Aus seiner linken Tasche lugt ein Ersatzmagazin für die nagelneue Kalaschnikow, die ihm um den Hals baumelt. In der rechten hat er sein iPhone mit Videos und Fotos von der „Stunde Null“ am letzten Samstag um 19 Uhr 20, als mit dem Ramadan-Fastenbrechen sich endlich auch Tripolis zum entscheidenden Sturm auf das Gaddafi-Regime erhob. Eigentlich studiert Omar Duri Zahnmedizin, seine 12-Stunden-Nachtschicht am Checkpoint an der Corniche geht am frühen Vormittag zu Ende. Und statt zu lernen, wie man Karies behandelt, bastelte er in den letzten Monaten zuhause in der Küche seiner Eltern Rohrbomben und bereitete mit Studienfreunden in Wohnungen Mini-Lazarette für verwundete Rebellen vor – alles auf der Festplatte seines Smartphones elektronisch dokumentiert. Eines seiner verwackelten Videos zeigt auch die Festnahme von zwei Scharfschützen nahe dem Grünen Platz, der eine aus dem Sudan, der andere aus dem Tschad, zwei junge, panische Gesichter, die von ihren Fängern mit „Allah ist groß“ Hochrufen vor sich her gestoßen werden.

Hunderte von Untergrundzellen hatten seit Mai die Erhebung in der libyschen Zwei-Millionen-Metropole bis ins Kleinste vorbereitet, deren Bewohner sechs Monate nach dem Aufstand im Osten immer mehr in den Ruf gerieten, regimetreu oder ganz einfach feige zu sein. Die konspirative Kommunikation lief vor allem über Walkie-Talkies, da das Regime über Gaddafis Erstgeborenen Mohammed die Handynetze fest in der Hand hatte. Durch Schmuggler sickerten Abertausende nagelneuer Schnellfeuergewehre in die Wohnviertel. Vorbei sind die Zeiten, wo die Kämpfer gutwillig und naiv im Polohemd und mit Schießprügeln aus dem Militärmuseum unterwegs waren. Die makellosen Schutzwesten, Helme und Tarnuniformen der Rebellen sind vom gleichen Typ, mit denen die USA die irakische Armee ausgerüstet hat. Viele tragen kleine Plastikkarten mit Name, Foto, Waffenkompetenz und Blutgruppe um den Hals. Die „Offiziere“ haben vier Monate Kampf- und Waffentraining hinter sich in der schon früh befreiten Bergstadt Nalut nahe der tunesischen Grenze.

„In Tripolis hat die gute militärische Ausrüstung den Ausschlag gegeben, unsere Motivation war ja sowieso stets ungebrochen“, erläutert Khaled al-Mahdi, enger Mitarbeiter des Provisorischen Nationalen Übergangsrates (NTC) im Westen des Landes, der eigentlich an der Humboldt-Universität Berlin über Lasertechnik promoviert. Als Waffenlieferanten an die Rebellen traten in erster Linie Qatar und die Vereinigten Arabischen Emirate in Erscheinung, beide enge Verbündete der Vereinigten Staaten in der Golfregion. Beim Thema Hilfen aus Ägypten und Tunesien dagegen, den beiden revolutionären Vorläufern des arabischen Frühlings, zuckt Mahdi nur stumm mit den Schultern.

Ihren Regierungssitz möchte die NTC-Führung am liebsten schon in der nächsten Woche von Bengasi nach Tripolis verlegen. Doch noch ist die libysche Hauptstadt nicht sicher, auch wenn die Rebellen die meisten Bezirke fest in der Hand haben. Die Straßen sind leergefegt, fast alle Läden geschlossen. Gaddafi-Poster hängen in Fetzen, alle paar hundert Meter liegt eine grüne Regimeflagge im Dreck. Nur wenige Neugierige wagen sich nach draußen – und wer es dennoch tut, hat zumindest eine Pistole dabei. Denn rund um die Uhr wird weiter geschossen und gestorben – auch am Tag fünf nach der Stunde Null. Die Stadt ist weiterhin voll mit Gaddafi-Treuen, die jetzt ihre Uniformen abgelegt haben und nachts aus ihren Häusern kommen, um wahllos Landsleute zu morden. Zwischen Leuchtspurmunition und Geschützsalven hallen immer wieder „Allah ist groß“-Rufe durch die Straßen. Stundenlang sind die dumpfen Explosionen der Nato-Angriffe zu hören. Hohe Rauchwolken stehen am Himmel. Am Abend lassen Bewohner nahe der historischen Altstadt ein kurzes, kleines Jubelfeuerwerk in den schwülen Nachthimmel steigen – gedacht als farbiger Vorbote eines endlich friedlichen, freien und angstlosen Lebens.

Der Landweg nach Tripolis von dem südlichen tunesischen Grenzübergang durch das Nafusa-Berge hinunter in die flache, fruchtbare Küstenebene ist gesäumt von Straßensperren. „Das Spiel ist aus“ haben die Rebellen in vielen Dörfern an ihre Hauswände gesprayt. An größeren Straßenkreuzungen stehen Wohncontainer, wo die Wachen leben und schlafen. Wenn sie nicht gerade Dienst haben, sitzen sie auf klapprigen Plastikstühlen bis tief hinein in die lauen Ramadannächte zusammen und schwatzen. Routine im Ausnahmezustand. Trotzdem sind die Shuttle-Touren von den sicheren Bergen nach Tripolis immer noch gefährlich. Am Mittwoch früh wurde eine vierköpfige italienische Journalistengruppe in dem Städtchen Zawiyah für 24 Stunden gekidnappt, ihr Fahrer auf der Stelle hingerichtet. Hier hatten die gefürchteten Elitebrigaden des Gaddafi-Sohnes Khamis ihr Hauptquartier. Die Eroberung des weitläufigen Kasernengeländes vor gut zwei Wochen war eine entscheidende Etappe auf dem Weg zum Sieg in der dreißig Kilometer entfernten Hauptstadt. Das monumentale Eingangstor des Areals liegt in Trümmern. In den Mauern gähnen große Sprenglöcher. Überall entlang der Straße zeugen ausgebrannte Läden, heruntergerissene Stromleitungen, zerschossene Panzer aber auch Berge von stinkendem Hausmüll von den Kämpfen der letzten Zeit.

Jubel und Kampf - lesen Sie mehr über die Rebellen in Tripolis auf Seite 2.

Seite 1 von 2
  • Erbitterte Kämpfe nach der Stunde Null
  • Seite
Artikel auf einer Seite lesen
» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben