Libyen : Schlusssteine der Revolution

In Libyen sind Seif al Islam, der einflussreichste Sohn des getöteten früheren Machthabers Gaddafi, sowie Ex-Geheimdienstchef Sanussi festgenommen worden. Welches Schicksal erwartet sie?

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Gefasst. Verletzt, aber lebend wurde Gaddafi-Sohn Seif al Islam festgenommen.
Gefasst. Verletzt, aber lebend wurde Gaddafi-Sohn Seif al Islam festgenommen.Foto: AFP

Als das Ende der Revolution und den Beginn des Aufbaus eines freien, transparenten Rechtsstaates hat der designierte Regierungschef Abdul Rahim al Kib die Verhaftung von Seif al Islam gelobt. Er versprach, der einst als Thronfolger für den gestürzten Muammar al Gaddafi gehandelte Mann werde ein faires Verfahren erhalten. Die neue libysche Führung hat zugesagt, dass sie mit dem Internationalen Strafgerichtshof (ISG) zusammenarbeiten wird. Bereits in dieser Woche will der Chefankläger des ISG, Luis Moreno- Ocampo, nach Tripolis reisen. Der ISG hatte im Juni gegen Seif al Islam einen Haftbefehl wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit erlassen.

Als am Sonntagabend dann die Nachricht kam, dass auch Geheimdienstchef Abdallah al Sanussi – ein Cousin von Seif – gefasst worden sei, waren endgültig die Schlusssteine der Revolution gesetzt. Denn Experten waren sich einig, dass von Sanussi eine viel größere Gefahr ausging als von dem Gaddafi-Sohn. Es war vermutet worden, dass er in den letzten Wochen mit Seif al Islam zusammen gewesen ist. Er genoss den besonderen Schutz des Stammes der Tuareg. Sanussi war über 40 Jahre der Mann fürs Grobe für Diktator Gaddafi. Er war gut vernetzt und schien immer noch in der Lage zu sein, Guerilla-Aktionen anzuzetteln. Auch gegen ihn erließ der ISG einen Haftbefehl.

Die Libyer haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie alle Gerichtsverfahren gegen Mitglieder des gestürzten Gaddafi-Regimes im eigenen Land abhalten wollen. Nach den Worten von Justizminister Mohammed al Alaqi soll der Gaddafi-Sohn unter anderem wegen Anstachelung zum Töten, Verschwendung von öffentlichen Geldern und Rekrutierung von Söldnern angeklagt werden.

Die Nachricht von der Ergreifung des zweitältesten der sieben Gaddafi-Söhne und des letzten, der noch im Land war, hat in ganz Libyen Freudenkundgebungen ausgelöst. Die Wut der Menschen auf den 39-Jährigen ist besonders groß. Weltgewandt, in Österreich und England ausgebildet, hatte er für seinen Vater viele Auslandsmissionen absolviert und sich etwa gerühmt, die Aufgabe des Nuklearprogrammes, das Libyen die Rückkehr aus der politischen Isolation ermöglicht hatte, sei seine Initiative gewesen. Seif al Islam war auch der Vermittler von vielen heiklen politischen Deals mit westlichen Regierungen. In Libyen war er für viele Menschen über Jahre hinweg ein kleiner Schimmer der Hoffnung gewesen. Vor allem Intellektuelle hatten seine Initiativen für minimale Reformen, die allerdings meistens tote Buchstaben blieben, unterstützt, weil sie überzeugt waren, sie seien die einzige Chancen für Bewegung in dem erstarrten Regime. Mit seinem Auftritt in den ersten Tagen der Revolution hatte Seif al Islam dann sein wahres Gesicht gezeigt und einen Kampf bis zum letzten Blutstropfen angekündigt, den er an Orten wie Zawiya und Bani Walid auch selbst mitangeführt hatte. Für die Libyer besteht kein Zweifel, dass er für Verbrechen verantwortlich ist, die nach ihrem islamischen Rechtsverständnis die Todesstrafe nach sich ziehen.

Die Lorbeeren für die Ergreifung von Seif al Islam nahe der Stadt Ubari, im Süden des Landes, können die Milizen von Sintan ernten. Nach ihren Angaben wurde der Gaddafi-Sohn in der Nacht zu Samstag in der Region Wadi al Adschal im Südwesten des Landes gefasst. Seif al Islam sei gemeinsam mit fünf Begleitern in einem Konvoi aus zwei Fahrzeugen gestellt worden. Zwar seien die Männer bewaffnet gewesen, aber sie hätten keine Zeit gehabt, die Waffen zur Verteidigung zu benutzen. Seif al Islam soll, so heißt es, versucht haben, sich in den Niger abzusetzen, sei aber von einem Begleiter verraten worden.

Der Gaddafi-Sohn wurde dann in das 170 Kilometer südwestlich von Tripolis gelegene Sintan in den westlichen Bergen geflogen. Ein Foto zeigt, dass er an einer Hand verletzt war. Nach Angaben von Militärführern erlitt er die Verletzung, als sein Konvoi Mitte Oktober bei der Flucht aus der gefallenen Gaddafi-Hochburg Bani Walid bombardiert worden war. Immerhin haben es die Milizen geschafft, den Gefangenen lebend nach Sintan zu bringen und Lynchjustiz wie an Oberst Gaddafi in Misrata zu verhindern. Derzeit wird Seif al Islam in Sintan festgehalten. Er soll erst an die zentralen Behörden überstellt werden, wenn ein entsprechendes Gericht aufgebaut ist.

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