Libyen und Italien : Das Mittelmeer als Brücke

Fußball, Banken, Erdöl, Bauaufträge, Waffen: Italien und Libyen sind vielfältig verflochten. Machthaber Gaddafi ist an mehreren italienischen Konzernen beteiligt.

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Wenn sich Juventus Turin derzeit recht kopflos durch die Spitzenliga des italienischen Fußballs dribbelt, dann schauen nicht nur die Fans voller Sorge auf den einstigen Rekordmeister. Denn die „Alte Dame“, die mehrheitlich dem Fiat-Konzern gehört und deren Börsenkurs zuletzt massiv fiel, ist in den Sog des Libyenkriegs geraten. Gaddafis Staatsfonds Lafico hält 7,5 Prozent an Juventus, und diese sind seit Inkrafttreten der EU-Sanktionen eingefroren.

Es ist bei Weitem nicht die einzige Beziehung zwischen den Ländern, denn Italien und Libyen sind durch das Mittelmeer eher verbunden als getrennt. 520 Kilometer lang zum Beispiel ist „Greenstream“, die Pipeline, die bis zum Beginn des Krieges 90 Prozent des libyschen Erdgases nach Sizilien lieferte. Betrieben wird sie von einem Joint Venture aus einer libyschen Gesellschaft und dem italienischen Eni-Konzern, der seinerseits führend ist bei der Ausbeutung der reichen Gas- und Ölvorkommen jenseits des Meeres. Italien schöpft ein Drittel der libyschen Ölexporte ab; erst weit abgeschlagen folgen Deutschland (14 Prozent), Frankreich und China (je 10 Prozent).

Damit ist Italien der wichtigste Handelspartner Gaddafis, zehn Milliarden Euro waren 2010 allein die Ölimporte wert. In Rom macht man sich Hoffnung, dieses Geschäft sowohl mit einer neuen Regierung in Tripolis als auch mit einem womöglich wiederkehrenden Gaddafi weiterführen zu können. Man sagt, Libyen bestreite seine Staatseinnahmen zu 80 Prozent aus Öl- und Gasexporten und könne folglich gar nicht darauf verzichten. Und bevor sich andere ins Geschäft drängen – Italien befürchtet, Frankreich könne sich bei den Rebellen als der große „Befreier“ Libyens aufspielen –, verweist Rom auf seine langfristigen Förderverträge: die für Öl laufen bis 2042, die für Gas gar bis 2047.

Finanziell abgewickelt werden die Geschäfte über die UBAE („Union Arabischer Banken“), die von Gaddafi gleich nach seiner Machtergreifung gegründet worden ist und seit 1972 ihren Sitz gegenüber dem römischen Finanzministerium hat. Seit wenigen Tagen steht die UBAE unter Kuratel der italienischen Nationalbank. Mit einem Kapital von 155 Millionen Euro stellt Gaddafis Bank die massivste libysche Finanzinstitution in Italien dar – jedenfalls unter den öffentlich sichtbaren – und versteht sich ganz allgemein als Brücke für Unternehmen, die in Nordafrika tätig sein wollen. Tripolis hält gut zwei Drittel an der UBAE, weitere zehn Prozent die Uncredit-Bank. Tripolis wiederum hält 7,5 Prozent an Unicredit.

Die weiteren, bekannten Beteiligungen Libyens in Italien sind eher kleiner Art: ein bisschen Mode, ein regionaler Internetbetreiber. Beim Fiat-Konzern, dem Gaddafi 1976 mit einer Beteiligung von bis zu 15 Prozent aus der Ölkrise geholfen hatte, ist Libyen schon zehn Jahre danach wieder ausgestiegen. Bei Eni soll die Beteiligung nicht viel mehr als ein Prozent betragen.

Aufsehen haben voriges Jahr die zwei Prozent erregt, mit denen Gaddafi im Rüstungs- und Luftfahrtkonzern Finmeccanica steckt. Die Finmeccanica- Tochter Agusta- Westland hat das Regime in Tripolis zuletzt mit zehn Hubschraubern eines Typs versorgt, wie sie in den USA für die Jagd auf Drogenschmuggler verwendet werden. Insgesamt soll Italien laut „La Repubblica“ zwischen 2008 und 2009 genehmigungspflichtige Rüstungsgüter im Wert von 205 Millionen Euro nach Libyen geliefert haben; das wäre mehr als ein Drittel des einschlägigen europäischen Handelsvolumens. Mit dem Freundschaftsvertrag zwischen Rom und Tripolis 2008 hat Libyen darüber hinaus – und auch noch kostenlos – sechs Küstenwachenschiffe der italienischen Finanzpolizei bekommen, die zum Aufspüren und zur Zurückweisung von Flüchtlingsbooten vor der libyschen Küste patrouillieren sollten. Die größte Freude machte der Freundschaftsvertrag den großen italienischen Baukonzernen. Rom hat sich verpflichtet, bis 2028 fünf Milliarden Dollar an Libyen zu zahlen als eine Art Wiedergutmachung für die Gräuel in drei Jahrzehnten Kolonialzeit (1911–43). Das meiste Geld floss bislang in die 1750 Kilometer lange Autobahn am Südufer des Mittelmeers, zu erstellen ausnahmslos von italienischen Firmen.

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