Politik : Libysche Schurken

Dieter Schenk

Am 5. April 1986 drängten sich nach Mitternacht etwa 260 Menschen auf der Tanzfläche der Diskothek "La Belle" in Berlin-Friedenau. Unter ihnen viele amerikanische Soldaten. Um 1 Uhr 40 explodierte eine Bombe. Drei Kilogramm Plastiksprengstoff mit Eisenteilen töteten an diesem Freitag eine 28-jährige türkische Verkäuferin und einen 21-jährigen US-Soldaten; ein 25-jähriger GI starb Wochen später im Krankenhaus an seinen Verletzungen, 230 Gäste wurden teils schwer verletzt.

Mit dem hinterhältigen Anschlag hatten die Spannungen zwischen den USA und Libyen einen weiteren Höhepunkt erreicht. Sie schwelten seit 1969, als der damals 27-jährige Muammar al Gaddafi den libyschen König entmachtete, eine amerikanische Air-Force-Base schloss und drei US-Ölgesellschaften unter Zwangsverwaltung stellte. Dies löste eine Spirale der Gewalt aus: Vor dem Berliner Anschlag zerstörten amerikanische Soldaten am 23. und 24. März 1986 libysche Schiffe, Radaranlagen und Raketenstellungen. Und nach dem Attentat auf die Diskothek bombardierten am 14. und 15. April 1986 amerikanische Flugzeuge Tripolis und Bengasi. Es gab 37 Todesopfer in der Zivilbevölkerung, darunter Gaddafis 15 Monate alte Adoptivtochter Hana. Als Vergeltung auf die Vergeltung ließen libysche Terroristen zwei Jahre später ein amerikanisches Flugzeug über der schottischen Stadt Lockerbie explodieren.

Vier Jahre bis zum Urteil

Die beiden Journalisten Jens Anker und Frank Mangelsdorf wollen mit ihrer Untersuchung nicht nur die "Anatomie des Terroranschlags" aufdecken, sondern auch die Hintergründe beschreiben. Sie taten gut daran, sich nicht als Verschwörungstheoretiker zu verzetteln. Vielmehr konzentrieren sie sich auf den La-Belle-Strafprozess, der nach vier Jahren am 13. November 2001 - also mehr als 15 Jahre nach dem Anschlag - zur Verurteilung von drei Männern und einer Frau (und einem Freispruch) führte.

Den Autoren wäre es ohnehin nicht möglich gewesen, das Mitwirken der Geheimdienste, von Stasi über BND, libyschem Geheimdienst, CIA bis zur NSA und dem israelischen Mossad zu entwirren. Dazu war wohl auch das Gericht nicht in der Lage, was ein Schlaglicht darauf wirft, welchen Staat im Staate die Dienste darstellen. Den Leser muss es empören, wenn der BND sein Mitwirken an der gerichtlichen Beweisführung einfach verweigert. Wozu ist eine solche Institution von Nutzen, wenn sie weder den Anschlag verhindern konnte noch zur Bestrafung der Täter beiträgt? Zum Teil dadurch wurden die Angeklagten schließlich nicht wegen Mordes, sondern "nur" wegen Beihilfe zum Mord zu Freiheitsstrafen zwischen 12 und 14 Jahren verurteilt.

In ihrem Vorwort verweisen die Autoren darauf, dass die Aufklärung des Verbrechens erst durch die Öffnung der Stasi-Archive möglich gewesen sei. Diese Unterlagen hätten "die Planung, Durchführung und Verschleierung der Tat nahezu lückenlos" dokumentiert. Mangelsdorf und Anker erklären aber nicht, wieso nach der Wende diese vorgeblichen Beweise nicht alsbald zu Festnahmen, zu einem schnellen Prozess und einem eindeutigen Urteil führten.

Staatsanwalt im Zeugenstand

Erst das Geständnis eines der Täter auf Malta 1996 sei der ermittlungstechnische Durchbruch gewesen. Was wiederum in Malta wirklich geschah und warum ausgerechnet ein Oberstaatsanwalt die Vernehmung führte, der sich damit als Sitzungsvertreter selbst ein Bein stellte (er musste in den Zeugenstand), wäre eine kritische Betrachtung wert gewesen. Im Ergebnis hat das Gericht das für das Verfahren wichtige Geständnis gar nicht gewertet.

Eines scheint allerdings nach der Lektüre des Buches klar zu sein: Der Anschlag wurde vom libyschen Geheimdienst gesteuert. Die ausführenden Täter saßen auch auf der Anklagebank. Die Recherchen der beiden Journalisten zeigen zudem, dass die Kausalkette zu Gaddafi selbst nicht zu beweisen ist. Darüber hinaus bietet das schnörkellos und in verständlicher Sprache geschriebene Werk viele Hintergrundinformationen über Gaddafi, Libyen, den weltweiten Terrorismus und die amerikanische Weltmachtpolitik. Leider wird mangels Quellenangaben und Fußnoten nicht immer klar, ob die Autoren zitieren oder selbst bewerten.

Dem Buch kommt zugute, dass Anker und Mangelsdorf sachlich und neutral berichten. Dem Leser wird also kein Urteil aufgezwungen. Alles in allem eine wichtige und aktuelle Dokumentation über "Schurkenstaaten", den Kampf "Gut gegen Böse", das Spannungsfeld BRD-DDR, die ehemalige Frontstadt Berlin und die Gegensätze zwischen der westlichen und arabischen Welt.

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