Linkspartei-Politiker Lederer : "Oft sind wir zu verbiestert"

Der Berliner Linken-Chef Klaus Lederer macht sich Sorgen über den Zustand seiner Partei. Er wünscht sich für 2012 einen Aufbruch mit neuen Leuten an der Spitze.

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Klaus Lederer (37) ist seit 2005 Landesvorsitzender der Linkspartei in Berlin. Er gehört zum Reformerflügel, der sich auch auf Bundesebene für eine Regierungsbeteiligung einsetzt.
Klaus Lederer (37) ist seit 2005 Landesvorsitzender der Linkspartei in Berlin. Er gehört zum Reformerflügel, der sich auch auf...Foto: Thilo Rückeis

Herr Lederer, fürchten Sie sich vor dem Jahr 2012?

Überhaupt nicht.

Wir fragen, weil es mit der Linkspartei zuletzt ständig bergab ging.

Es wird auch wieder bergauf gehen. In unserer Partei gibt es viele, die sich lieber um Politik kümmern wollen statt um interne Rangeleien. Es geht um Ideen sozialer Absicherung in der Krise, um individuelle und gesellschaftliche Lebensperspektiven.

Der Kapitalismus befindet sich in der Krise, und die Linke profitiert nicht. Was machen Sie falsch?

Viele unserer Debatten sind abstrakt, hölzern. Ob Keynes oder Eucken Recht hatten, interessiert viele Menschen nicht. Sie müssen sich täglich durchschlagen – im Dienstleistungssektor, der klassischen Lohnarbeit, mit Hartz IV, aber auch in der Kunst oder der digitalen Boheme. Die soziale Frage wird immer konkret spürbar. Da nervt der Duktus der Welterklärung, der „Linkshaberei“…

Bei den Wahlen in Berlin haben Ihnen die Piraten das Wasser abgegraben.

Sich einmischen, gemeinsam Projekte entwickeln, um die Welt zu ändern, das ist aufregend. Ökonomievorlesungen sind es selten. Freier Zugang zu Netzen und Infrastrukturen, Bürgerrechte verbunden mit sozialer Grundsicherung, all das kannst du anfassen. Dazu kam der Nimbus des Neuen.

Im Bundestagswahlkampf 1998 klebte die PDS Plakate, auf denen sie sich als „cool“ und „geil“ stilisierte. Muss die Linkspartei cooler werden?

Ich wünsche sie mir lebendiger, weltzugewandter. Viele der Themen, die ich eben genannt habe, sollten eigentlich unsere sein. Manchmal habe ich das Gefühl, bei uns ginge es mehr ums Rechthaben als um alltägliches soziales Engagement in den Widersprüchen. Das ist nicht besonders attraktiv.

Hat Ihre Partei verlernt zu streiten?

Oft sind wir zu verbiestert und verbittert, auch wegen der Zerreißproben der Linken seit der Gründung. Debatten wurden gedeckelt, um die Fliehkräfte zu bannen. Man belauert sich argwöhnisch. Eine linke Partei muss doch gerade dadurch bestechen, dass sie am Puls der Zeit ist, Widerspruch zulässt, einlädt zum gemeinsamen Engagement.

Ihre Vorsitzende Gesine Lötzsch hat in einem Thesenpapier gefordert, die Linke müsse „Insel der Solidarität in einer neoliberalen Wüste“ sein. Teilen Sie dies?

Das meine ich: Die Linke hat kein Monopol auf solidarisches Miteinander. Wir haben auch kein Monopol auf Antikapitalismus – und auch nicht jeder Antikapitalismus ist modern und progressiv. Sich vom Rest der Welt abzuschotten, trotzig auf die eigene großartige Gesinnung zu pochen, ist albern. Schauen wir uns doch um, seien wir offen, finden wir die Verbündeten im Kampf um Solidarität in der Gesellschaft!

Braucht die Bundespartei eine neue Führung, um aus der Krise zu kommen?

Ich glaube, ja. Wenn Landesverbände mit 25 Prozent der Mitglieder einen Mitgliederentscheid zur Wahl der Vorsitzenden wollen, zeigt das doch, dass sie sich gegenwärtig in der Führung nicht genügend repräsentiert fühlen. Es tut einer Partei gut, wenn sie dann bereit ist für Veränderung.

Was halten Sie denn von dem Vorschlag, die Basis in einer Urabstimmung über die nächsten Parteivorsitzenden entscheiden zu lassen?

Eine Urabstimmung birgt doch die Gefahr, dass auf Sieg und Niederlage gesetzt wird. Wir brauchen eine breite Führung, die vertrauensvoll miteinander arbeitet, weiblicher, moderner, jünger. Ich hoffe, dass diejenigen in Ost und West gemeinsam einen Weg finden, die die Partei über Partikularismen stellen. In dem Urabstimmungsbegehren sehe ich den innigen Wunsch nach positiver Veränderung, nach einem linken Aufbruch. Das darf niemand denunzieren.

Fraktionsvize Dietmar Bartsch, der zum Reformerlager gehört, hat seine Bereitschaft zu einer Kandidatur für den Parteivorsitz erklärt. Unterstützen Sie ihn?

Dietmar Bartsch muss in der Führung der Partei eine ganz zentrale Rolle spielen. Ich habe mit Freude gehört, dass auch Oskar Lafontaine das so sieht.

Etliche Parteilinke haben erklärt, dass Bartsch für diesen Posten nicht geeignet sei, weil er für eine „Anbiederung an die SPD“ stehe. Was halten Sie davon?

Denunziation vergiftet die politische Kultur. Vor zwei Jahren hat die Unkultur gesiegt, seitdem geht es abwärts. Manchem schien, dass alles ausgetilgt werden sollte, was nach PDS riecht. Das hat im Osten tiefe Wunden hinterlassen. Wir müssen uns zusammenraufen, verschiedene Sichten und Erfahrungen aushalten und produktiv machen.

Was würden Sie von einem Comeback von Oskar Lafontaine halten?

Oskar Lafontaine wird gebraucht, er ist ein politisches Schwergewicht. Ich wünsche mir, dass er die Linke gemeinsam mit Gregor Gysi in die nächste Bundestagswahl führt.

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