Politik : London bastelt am Netzwerk Europa

Matthias Thibaut[London]

Berlin - Die Briten sehen Europa immer noch als eine deutsch-französische Bürokratenverschwörung, um die Insel mit einem Wust undurchsichtiger Regeln und Direktiven an die Fessel zu legen. Trotzdem – oder gerade deshalb – sind die Briten aber in Brüssel sehr wach und nutzen ihre Spielräume geschickt. Die Achse Berlin–Paris dominiert die Europäische Union nicht mehr wie früher.

Der Londoner Europaminister Denis MacShane will freilich von einem schwindenden Einfluss Berlins nichts wissen. Deutschland verteidige seine Position in Brüssel doch sehr wirkungsvoll, erklärt er höflich. Außenminister Joschka Fischer und erst recht der Kanzler hätten  eine eindrucksvolle Präsenz. Voller Bewunderung spricht er von den „gigantischen Vertretungen der Bundesländer“ in Brüssel. Meint er all das ironisch?  Nie würden britische Diplomaten es sagen.

Nicht mehr der alte deutsch-französische Motor zählt, sondern „sich überlagernde Netzwerke“, wie McShane sagt. Und in deren Pflege sieht er seine Aufgabe als Europaminister. Im Zickzack führt ihn seine Aufgabe durch Europa, am liebsten nach Warschau oder Helsinki, Prag oder Madrid und „so wenig wie möglich nach Brüssel“. „Ich will verstehen, wie die anderen denken, und ihnen unseren politischen Standpunkt erklären. Es wäre völlig falsch zu glauben, mehr Leute in Brüssel bedeuteten mehr Macht. Die europäische Politik beginnt in Berlin, Paris, Rom oder London.“

Und dort setzt McShane auf klare Hierarchien. So sitzen die einflussreichsten britischen Europadiplomaten in der Downing Street 10, dem Sitz des Premiers – Diplomaten wie Tony Blairs Europaberater Kim Darroch.

Auch Jonathan Allen, der Sprecher der ständigen Repräsentanz des Vereinigten Königreichs in Brüssel, sieht die klare Aufgabenteilung als entscheidend für den britischen Erfolg in Brüssel an. „Politik wird in London entschieden. Taktik in Brüssel.“ Eine magische Formel hätten die Briten nicht, aber die enge, gut eingespielte Zusammenarbeit der drei entscheidenden Stellen – Downing Street, Außenministerium und die Brüsseler Repräsentanz – kann bestimmt nicht schaden.  Und natürlich über Generationen geschliffene diplomatische Erfahrung: die Kunst, die Ohren aufzuhalten, das richtige Networking, harte und klare Verhandlungen und dann, zum richtigen Zeitpunkt, die Bereitschaft für den Kompromiss.

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