Politik : Machtwechsel mit Unschärfen

Die Union hofft, dass ihre Werbespots Kult werden

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Von Robert Birnbaum

Der Weg der Union an die Macht führt über die Zeitlupe. Langsam, wie in einem Traum, bewegen sich glückliche Menschen in freundlichem Umfeld: Werftarbeiter auf dem Weg zum Dock, ein dunkelhäutiges Mädchen auf der Schaukel, überhaupt jede Menge Kinder auf Schulhöfen und in Schulklassen und einmal ein ganz kleines an der Mutterbrust, in einem Raum, der wie eine Maschinenstation aussieht. Eine weiche Alt-Stimme verkündet Botschaften, die die weihevolle Stimmung ein bisschen stören: „Vier Millionen Menschen sind arbeitslos.“ Die Irritation hält sich aber in Grenzen, weil man keinen Arbeitslosen sieht.

So geht das mehrere Szenen hindurch, bis ein verschwommener Herr mit Edmund-Stoiber-Haarschopf einen Flur hinab in die Kamera schreitet, eine Frau an seiner Seite mit Angela-Merkel-Frisur, und dann ertönt tatsächlich des Kandidaten Stimme: „Dass es wieder aufwärts geht, dafür werde ich hart arbeiten, mit meiner ganzen Kraft und von ganzem Herzen.“ Womit der Fernsehzuschauer erkennt, was er da sieht: den Fernseh-Wahlspot von CDU und CSU.

Dass die Bilder so gar nicht zu den Text-Botschaften passen, ist, sagt der CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer, Absicht. Welche Absicht, bleibt etwas nebulös, weil sich Meyer nicht zu der Auskunft versteigen mag, nach der Wahl von Edmund Stoiber werde es überall in Deutschland derart nett zugehen. Aber mit der Deutung dessen, was da gezeigt wird, hapert es sowieso. Dass sich der Spot am Ende auf den künftigen Kanzler fokussiere, wie Meyer sagt, stimmt schon deshalb nicht, weil „fokussieren“ so viel wie „scharfstellen“ heißt, das Gesicht des Kandidaten aber im Gegenteil unscharf nach oben aus dem Bild wischt. Dass diese Unschärfe irgendwie programmatisch gemeint sein könnte, dementiert die Union natürlich strengstens.

Der Weg der Union zur Macht führt aber auch über den Zeitraffer. Denn es gibt ja noch den Kino-Spot fürs junge Publikum. Der Streifen, sagt Michael Spreng voraus, „der wird Kult“. Für solche Sätze wird Stoibers Medien-Mann bezahlt, aber er könnte trotzdem Recht haben. Da ist nämlich Schluss mit jenem staatstragenden Stil, den die CDU unter Helmut Kohl jahrelang gepflegt hat. „Deutschland wechselt“, verkündet eine Schrift, und dann folgt im flotten Sekundentakt ein Wechsel nach dem anderen: Windel-Wechsel, Öl-Wechsel, Fahrer-Wechsel, Seiten-Wechsel, Stellungswechsel. Letzteren versinnbildlichen zwei Paar Füße unter einer Bettdecke, die aber – Meyer ist auf die Frage präpariert – zwei ansonsten bekleideten Menschen gehören.

Auch hier folgt die Auflösung des Bilderrätsels erst am Schluss: Ein Auto-Armaturenbrett mit einem Silber-Fotorähmchen, aus dem der Kanzler strahlt – flugs greift eine Frauenhand von oben her, dreht das Foto um, und jetzt lächelt da der Kandidat.

Diese Wechselrähmchen übrigens gibt es jetzt bundesweit nur noch bei der CDU. Die hat im Großhandel alle Bestände aufgekauft und verteilt sie als Reklame-Gag. Sie unterscheiden sich von der Kinospot-Fassung in einem Detail: Es steckt nur Stoiber drin, kein Kanzler. Wegen Ver-Wechslungsgefahr.

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