Männliches Selbstbild in der Krise : Wir brauchen einen Feminismus für Männer

Der Fortschritt bringt die bisherige männliche Identität ins Wanken. Das nutzen Populisten wie Trump und die AfD aus. Aber es muss weitergehen. Ein Essay.

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Immer feste druff. Männlichkeit funktioniert auch bei vielen Menschen noch nach archaischen Ritualen.
Immer feste druff. Männlichkeit funktioniert auch bei vielen Menschen noch nach archaischen Ritualen.Foto: Getty Images/iStockphoto

Er steckt in der Krise. Schon wieder. Vielleicht ist es eine Dauerkrise. Vielleicht geschieht es ihm, dem weißen, heterosexuellen Mann, auch ganz recht. Schließlich hat er genügend Krisen und Probleme geschaffen – allen voran den Sexismus. Man muss aber nicht mehr den Blick auf den männlichen Umgang mit dem weiblichen Geschlecht richten, um zur Feststellung zu gelangen, dass das Konzept und unser Verständnis von Männlichkeit dringend überdacht gehören.

Der grassierende Sexismus, der gerade wieder am Beispiel Harvey Weinstein seine Langlebigkeit zeigt, ist verstörend. Keine Frage. Er ist aber oftmals nur Symptom. Die Krise, in der sich der Mann heute befindet, reicht deutlich weiter, tief hinein ins Mannesinnere. Die Konsequenzen dieser Malaise bekommen aber alle zu spüren. Schon wieder.

Für viele Männer stellt sich die Frage nach den Charakteristiken der Männlichkeit wahrscheinlich nicht. Sie denken so viel darüber nach wie Fische über Wasser. Die Männlichkeit ist für sie allgegenwärtig. Sie leben Männlichkeit, weil sie dem männlichen Geschlecht zugehören. Die biologischen Merkmale definieren demnach das soziale Wesen. Dabei ist an der Männlichkeit wenig natürlich oder biologisch. In Anlehnung an Simone de Beauvoirs bekannten feministischen Leitsatz, kann auch behauptet werden, dass Männer nicht als Männer geboren, sondern dazu gemacht werden. Seine körperlichen Merkmale sind gegeben, der Rest ist konstruiert.

Es sind die kulturellen Gepflogenheiten und gesellschaftlichen Verhältnisse, die die Männlichkeit festlegen. Und es sind Männer die diese bestimmen beziehungsweise bestimmten. So sind Männer gleichzeitig Hüter und Gefangene der eigenen Männlichkeit. Es gibt viele Definitionen und Arten der Männlichkeit, die alle kultur- und ortsgebunden sind.

Der Einfachheit halber kann man sich an der Definition des britischen Künstlers und Transvestiten Grayson Perry orientieren, der überspitzt aber punktgenau festhält, dass sie ein Konstrukt konditionierter Emotionen für Menschen mit Penis ist. Genau dieses Konstrukt wackelt jedoch enorm und droht zu kollabieren. Das betrifft alle Männer, wenn auch auf unterschiedliche Weise.

Das Festhalten an der Kontrolle

Das Konstrukt Mann hat vielen Männern über Jahrhunderte eine Identität und dadurch Halt gegeben. Was geschieht aber, wenn der gesellschaftliche und technologische Fortschritt dieses Konstrukt gefährden oder als überholt wirken lassen? Wenn Frauen plötzlich Ebenbürtige sind und traditionelle Männerdomänen vor allen in der Arbeitswelt auf einmal an Bedeutung verlieren?

Es kommt zu einer Identitätskrise und an genau so einer leidet der heutige Mann. Die Sinneskrise hat Tradition. Immer wieder wurde die Rolle des Mannes innerhalb der Gesellschaft herausgefordert. Bereits im Jahr 1914 schrieb der amerikanische Journalist Floyd Dell, dass der Mann das Gefühl benötigt, gebraucht zu werden und eigentlich gar nicht frei sein will.

Der Feminismus, der zu jener Zeit noch in den Anfangstagen steckte, war Dell zufolge eine Chance, diesem Zustand zu entkommen, denn er würde, über kurz oder lang dazu führen, dass es keine Abhängigkeit der Frau gegenüber dem Mann mehr gibt und der Mann folglich zur Freiheit gezwungen wird. Dells Analyse war damals utopisch, heute ist sie in Teilen bereits Realität. Trotzdem krallt sich der Mann weiterhin verzweifelt an seinen Status. Und er glaubt: Kontrolle über die anderen geht nur mittels Kontrolle über sich selbst.

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