Malu Dreyer : Nah bei de Leut

Niemand findet sie unsympathisch, nicht mal ihre politische Konkurrenz. Trotzdem hat ihr kaum einer zugetraut, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz zu werden – weil sie MS hat. Doch Malu Dreyer stellt sich ihrer Krankheit wie allem. Mit Mut.

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Verbindlich. Malu Dreyer ist auch Widerspruch sehr willkommen – wenn er nur fundiert ist. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa
Verbindlich. Malu Dreyer ist auch Widerspruch sehr willkommen – wenn er nur fundiert ist. Foto: Fredrik von Erichsen/dpaFoto: picture alliance / dpa

Sie kann sich genau daran erinnern. Ihre Eltern, Familie, Freunde stehen am Flughafen in Frankfurt am Main, sie wird ein Jahr als Austauschschülerin nach Clermont in Kalifornien gehen. Sie ist 16. Damals, in den siebziger Jahren, ist das noch eine große Sache: ohne Internet, Skype und günstige Telefonverbindungen. Es ist ein aufwühlender Abschied. Alle heulen, nur sie nicht. Wenn man sie fragt, woher ihr Mut kommt, erzählt sie diese Geschichte. Noch heute sieht sie sich die Treppe hinunter zum Ausgang laufen und dann hoch ins Flugzeug, als würde sie hüpfen, fröhlich, und sie sagt, sie habe ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit gespürt.

Malu Dreyer, 51, künftige Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz und damit Nachfolgerin des erkrankten Kurt Beck, bittet freundlich in ihr Büro in Mainz. Draußen im Flur hängen bunte Bilder, von Menschen mit Behinderung gemalt, hier drinnen am runden Konferenztisch sind die Stühle in dunklem Lila bezogen. Sie sitzt vor einem, lächelnd, charmant, nie bestimmend, aber immer klar auf den Punkt. Draußen steht der Rollstuhl in einer Ecke, sie benutzt ihn immer dann, wenn die Wege zu anstrengend werden. Sonst stützen sie ihre Mitarbeiterinnen. Malu Dreyer hat Multiple Sklerose (MS), eine Krankheit des zentralen Nervensystems, die bisher nicht heilbar ist.

Bis heute hält sie Kontakt zu dieser Gastfamilie, die sie damals vor 35 Jahren kennengelernt hat. In diesem Sommer reiste sie mit ihrem Mann in die USA und traf sie wieder. Sie hat die neuen Erlebnisse der Reise als Mutmachmittel inhaliert, die Bilder im Kopf abgespeichert. Den Besuch am Grand Canyon etwa, wo sie mit dem „Rolli“, wie sie sagt, direkt oben an der Felskante stand, auf einem für Behinderte barrierefreien Weg. Bis heute kann sie auch die Bilder und Gerüche von damals abrufen. Es ist ein intimes Gefühl, das sie seitdem in sich trägt und das man vielleicht so übersetzen kann, ohne dass sie dagegen Einwände hätte: Mir kann nichts passieren, ich habe alle Kraft der Welt.

Es gibt in dieser Frau einen Drang zum Ausbrechen. Sie würde das zwar niemals so formulieren und lieber politisch korrekt von Freiheit sprechen. Aber nun sitzen vor ihrem Ministerbüro in Mainz diese zwei Männer und warten. Sie wollen ihr für ihr künftiges Spitzenamt den Kommunalen Finanzausgleich erklären. Eine Mitarbeiterin drängelt schon, und übers Handy erreichen sie auch dauernd Hinweise auf die kommenden Pflichten. Da flüstert die künftige Regierungschefin leicht ungehalten: „Kommen die Termine halt durcheinander.“

Die Geschichte über den Mut der Marie-Luise Dreyer fängt schon bei ihrem Namen an. Sie kichert jetzt ein bisschen und sagt, dass diese „Marie-Luise“ ärgerlicherweise nun wieder aufgetaucht sei. Dabei ist sie mit 13 Jahren zu ihren Eltern marschiert und hat verkündet, dass sie von jetzt an „Malu“ heißen werde. Damit war die Sache klar – der andere Name, hat sie damals beschlossen, sei einfach unpassend für eine Person wie sie.

Aus der SPD ist zu hören, dass sie durchaus Widerspruch duldet und dass sie zuhören kann. Ihre Hände liegen ruhig auf dem Tisch. Sie erklärt geduldig, wie das ist, wenn einem die Beine nicht immer gehorchen, man aber dabei keinen Schmerz empfindet. Sie sagt: „Ich wollte nicht über die Krankheit definiert werden, deshalb bin ich auch lange Zeit damit nicht an die Öffentlichkeit gegangen.“ Diesen Widerstand, quasi gegen ihre eigene Angst, hat sie aufgegeben und zugelassen, dass sie seitdem immer auch die Frau mit dem Kürzel „MS“ ist.

Wen man auch über Malu Dreyer fragt, niemand findet sie unsympathisch, nicht einmal ihre politische Konkurrenz von der CDU. Hört man sie selbst reden über sich oder über Politik, fällt einem ihre Fähigkeit zur Empathie auf. Für einen Spitzenpolitiker ist diese Kompetenz ein großes Glück. Denn das Gefühl, verstanden zu werden, wirkt auf Menschen immer versöhnend und schafft Vertrauen.

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