Politik : Margot Honecker: Lobrede auf ein verlorenes Paradies

Malte Sieber

Für deutsche Journalisten gab es an der Sprechanlage am Eingangstor zu der kleinen Siedlung zweistöckiger Häuser meist nur eine Auskunft: "Sie stören." Denn Margot Honecker, die in einem Anwesen mit der Nummer 8978 im Villenviertel La Reina Alta in Santiago de Chile lebt, wollte nicht behelligt werden. Einmal verjagte die Witwe des DDR-Staats- und Parteichefs Erich Honecker gar ein Fernsehteam mit dem Wasserschlauch.

Nun hat sich die ehemalige DDR-Bildungsministerin doch noch erklärt, und zwar einem chilenischen Gesprächspartner, der viel Verständnis für ihre Weltsicht aufbringt. "Klar ist, dass die Wiederkehr des Kapitalismus den Osten auffrisst", sagt sie ihrem Interviewer Luis Corvalán in dem langen Gespräch. "Das andere Deutschland, die DDR - Gespräche mit Margot Honecker" heißt das Buch, das der langjährige Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chiles morgen offiziell in Santiago vorstellen will.

Corvalán, heute 84 Jahre alt, machte bereits vor seinem Aufstieg an die Parteispitze mit flammenden politischen Schriften von sich reden. 1973 von Pinochet verhaftet und auf der Insel Dawson interniert, kam er 1977 frei und ging ins Moskauer Exil. In der chilenischen Linken gilt er als marxistischer Hardliner, nach seiner Rückkehr spielte er jedoch keine Rolle mehr in der Politik. Dieses Schicksal teilt er mit seiner Gesprächspartnerin. Beide grollen bis heute Gorbatschow und seiner Perestroika, denen sie die Hauptschuld am Zusammenbruch des sozialistischen Lagers geben.

Seit acht Jahren lebt die heute 73-jährige Margot Honecker in einer Wohnanlage in einem Villenviertel an den Hängen der Vorkordilleren. Das Haus hatte Tochter Sonia gekauft und für ihre Eltern einrichten lassen. Sie selbst war ihrem chilenischen Mann Fernando Yáñez, den sie während seines Exils in der DDR kennen gelernt hatte, nach Santiago gefolgt, wo sie sich bald darauf trennten. Heute lebt Sonia mit ihrer elfjährigen Tochter Viviana nur ein paar Straßen entfernt. Ihr 25-jähriger Sohn Roberto, der noch in der DDR aufgewachsen ist, zog frühzeitig aus und nistete sich bei Oma Margot ein.

Über die Ereignisse im vereinigten Deutschland zeigt sich Margot Honecker gut informiert - bekannt ist, dass sie auch deutsche Zeitungen liest. Doch in den Gesprächen mit Luis Corvalán entwirft sie ein von Zweifeln kaum getrübtes Bild der DDR; die Vereinigung ist für sie der Absturz: "An die Stelle von menschlichen Beziehungen hat sich jetzt das Monster Geld gesetzt."

Die frühere Chefin der Jungen Pioniere betet die Errungenschaften des Sozialismus im eingeübten Politbüro-Kauderwelsch herunter. Und weil ein Schuss Selbstkritik schon auf jedem Parteiplenum der SED zum guten Ton gehörte, vergisst sie auch diesen nicht: "Unsere Fehler bestanden darin, dass oftmals die diskutierten Entscheidungen und eingereichten Vorschläge nicht in die Praxis umgesetzt wurden."

Auf die Frage, ob nach dem Fall des Sozialismus nicht "eine brutale Hatz" auf Erich Honecker eingesetzt habe, zitiert die ferne Witwe ein Sprichwort: "Je größer die Lüge, desto eher wird sie geglaubt." Da werden ihr nicht einmal ihre Gegner widersprechen.

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