Massaker von Srebrenica : Radovan Karadzic Auge in Auge mit einem Zeugen

Dass er überlebt, war nicht vorgesehen. Nun steht der Zeuge KDZ064 im Gerichtssaal Radovan Karadzic gegenüber. Der ist wegen eines Völkermords angeklagt, den er selbst für "einen Mythos" hält.

Radovan Karacic vor dem Kriegsverbrechertribunal.
Radovan Karacic vor dem Kriegsverbrechertribunal.Foto: AFP

Stundenlang dauert das Kreuzverhör nun schon. Unaufhörlich prasseln die Fragen auf den Zeugen ein. Und dann kommt der Moment, an dem er sich nicht mehr beherrschen kann. ,,Sie sollten erleben“, schreit er den ehemaligen bosnisch-serbischen Präsidenten Radovan Karadzic an, „dass Ihre eigenen Kinder tot sind, so wie es den Müttern von Srebrenica passiert ist!“

Der Zeuge, der vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag aussagt, hat im Sommer 1995 auf den Killing Fields um den Ort Srebrenica ein serbisches Erschießungskommando überlebt. Zu seinem eigenen Schutz wird der bosnische Moslem mit dem Codenamen „KDZ064“ angeredet. Als um ihn herum Dutzende im Kugelhagel zu Boden sanken, ließ er sich fallen. Stundenlang lag er reglos unter einem Berg Leichen, tat so, als wäre er selber tot. Sobald die bosnisch-serbischen Exekutoren abgezogen waren, flüchtete er, schleppte sich durch die Wälder, erreichte schließlich ein Gebiet, das von der Regierung in Sarajewo kontrolliert wurde. Dort hatten Muslime das Sagen. Der Überlebende war in Sicherheit.

Name und Geburtsdatum von KDZ064 sind unbekannt. Er sitzt hinter einem großen Paravent, ist abgeschirmt von den neugierigen Blicken von Presse und Zuschauern. Kameras filmen ihn, und das Videobild ist auf Fernsehschirmen im Gerichtssaal zu sehen. Aber das Bild wird so verfremdet, seine Stimme so verzerrt, dass der Mann unkenntlich wird. Deutlich hörbar ist jedoch, dass er wütend ist.

Vor KDZ064 haben im Karadzic-Prozess schon andere Opfer von Kriegsverbrechen ausgesagt. Was allerdings ihm widerfahren ist, erschüttert auch hartgesottene Prozessbeobachter. Das Blutbad, das er überlebte, gilt als schlimmstes Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Am 11. Juli jährte es sich zum 15. Mal.

Zigtausende Muslime waren in Srebrenica eingeschlossen, ihre Versorgungslage war katastrophal. Sie sollten der „ethnischen Säuberung“ zum Opfer fallen, durch die Ostbosnien serbisches Gebiet werden sollte. Die UN hatte ein leicht bewaffnetes Bataillon niederländischer Soldaten in Srebrenica stationiert – es konnte die Eroberung der Enklave nicht verhindern. Binnen weniger Tage ließ der Armeechef der bosnischen Serben, General Ratko Mladic, tausende Moslems – Männer und Jungen – erschießen. Mladic versteckt sich bis heute, vermutlich in Serbien. Sein politischer Chef zum Zeitpunkt des Völkermords, Karadzic, wurde im Juli 2008 in Belgrad verhaftet. Getarnt mit einem falschen Namen, grauen Bart und langem Haar lebte der promovierte Arzt in einem Vorort der serbischen Hauptstadt – als Wunderheiler und kräuterkundiger „Doktor Dabic“. Noch im selben Monat ließ die serbische Regierung Karadzic nach Den Haag überstellen, wo er jetzt vor seinen Richtern steht. Nun sieht er mit seiner geschwungenen Haartolle wieder so aus, wie ihn die Fernsehzuschauer während des Bosnien-Kriegs kannten.

Späte Ruhe.
Späte Ruhe.Foto: REUTERS

Im Oktober 2009 begann der Prozess gegen Karadzic. Er wird Jahre dauern, vermuten Beobachter. Die Anklageschrift wirft ihm Schuld am Genozid von Srebrenica vor, die Belagerung von Sarajewo, die ,,ethnische Säuberung“ von Gebieten in Bosnien-Herzegowina während des Krieges, der von 1992 bis 1995 mehr als hunderttausend Menschenleben kostete.

Der geduldige südkoreanische Richter Kwon O-Gon leitet die Hauptverhandlung des Jugoslawien-Tribunals im Gerichtssaal I. Jedes gesprochene Wort wird hier simultan ins Französische und ins Englische, die Arbeitssprachen der internationalen Gerichtshöfe, übersetzt, sowie ins Serbokroatische, die Sprache des Angeklagten und der Zeugen. Stenografen schreiben mit, mehr als 1,5 Millionen Seiten umfassen die Prozessakten bis heute.

Erschwert werden die Prozesse für Zeugen und Überlebende durch das Verfahrensrecht des UNO-Tribunals, das stark angelsächsisch geprägt ist. Jeder Belastungszeuge wird erst vom Vertreter der Anklagebehörde befragt, dann versucht die Verteidigung die Aussage des Zeugen im Kreuzverhör auseinanderzunehmen. Karadzic verteidigt sich selbst. Richter Kwon weiß, mit wem er es zu tun hat und was das für den Zeugen bedeutet.

KDZ064 wird konfrontiert mit dem Mann, den er für verantwortlich hält für das unermessliche Leid, das ihm und den bosnischen Muslimen widerfahren ist. Kwon hält den Zeugen dazu an, während des Kreuzverhörs schlicht auf die Fragen zu antworten – und ermutigt ihn damit auch unausgesprochen, sich nicht provozieren zu lassen. Doch dem Zeugen fällt es schwer, die Ruhe zu bewahren, er ist aufgewühlt. ,,Sie wollten uns aus ganz Bosnien-Herzegowina vertreiben“, sagt er zu Karadzic. Der nutzt die Erregung des Mannes aus, lässt ihn wissen, dass er ihn keineswegs als Opfer des Krieges betrachtet: „Sie waren doch Soldat in der Armee der Muslime!“, sagt er. Ein Unterton schwingt mit: Was wollen Sie denn, so ist nun mal Krieg. Richter Kwon O-Gon greift ein: „Herr Karadzic, da haben Sie eine fürchterliche Bemerkung gemacht!“

Der Angeklagte lässt sich davon nicht sichtbar beeindrucken. Er bleibt ruhig, reagiert kaum je emotional. Überhaupt benimmt er sich im Gerichtssaal meist vorbildlich. Anders als der serbische Ex-Präsident Slobodan Milosevic, bei dessen Prozess Richter Kwon zwischen 2002 und 2006 auch schon teilgenommen hatte. Milosevic polterte und beschimpfte das Tribunal als illegal. Karadzic dagegen ist höflich, scheint sich zu bemühen, nach dem Intermezzo als Dr. Dabic wieder in die Rolle des repräsentativ auftretenden Staatsmannes zurückzufinden.

Im Kreuzverhör zeigt sich Karadzic’ Verteidigungsstrategie: Die Muslime seien selber schuld. Den Zeugen erinnert er an den sogenannten Cutileiro-Teilungsplan für Bosnien von 1992. Der hätte den Krieg verhindert. ,,Wir Serben haben den Plan akzeptiert, die Muslime haben ihn verworfen!“ Mit dieser rückblickenden Logik sucht der Angeklagte in die Landesgeschichte einzugehen. Jemand wie KDZ064 ist für ihn Mittel, um solche Aussagen öffentlich ins Protokoll zu bringen. KDZ064 will von alledem nichts hören – er hatte damals doch nichts mit Politik zu tun. Er war todgeweiht, durch Zufall gerettet, einer, der nach dem Willen der Täter niemals hätte sprechen sollen.

Im Karadzic-Prozess wiederholt sich, was in den Verfahren gegen Milosevic und andere Spitzenpolitiker immer wieder geschah: Die einstigen Machthaber nutzen Argumente aus der Weltpolitik, die Zeugen, oft einfache Bauern, Witwen, Soldaten, die im Krieg litten, sind mit Tonlage und Thematik oft überfordert und glauben, dass sie nicht gehört werden.

KDZ064 ist einer von hunderten Zeugen, deren Aussagen die Anklagebehörde im Fall Karadzic vorgesehen hat. Unter ihnen sind sogenannte „Crime base“-Zeugen, wie es im Jargon des Tribunals heißt. Diese Zeugen waren vor Ort und müssen die Richter vom Tathergang überzeugen. Außerdem gibt es die „Linkage“-Zeugen. Ist einmal bewiesen, dass ein Kriegsverbrechen stattfand, müssen diese Zeugen nachweisen, dass der Angeklagte damit „verlinkt“ war, darin eine Rolle spielte. Besonders schwierig wird das bei Spitzenpolitikern, die nicht selber am Tatort waren, aber oft Hunderte von Kilometern entfernt von ihren Schreibtischen schriftlich Befehle erließen, die später gegen sie verwendet werden können. Daher nutzt die Anklagebehörde häufig Abhörprotokolle von Telefonaten, die westliche Geheimdienste mitgeschnitten haben.

Von Karadzic ist dokumentiert, dass er versuchte, das Leben der Muslime in der umzingelten Enklave Srebrenica vor dem Fall des Städtchens im Juli 1995 so schwer wie möglich zu machen. Er gab, so viel ist verbürgt, etwa den Befehl, humanitäre Hilfslieferungen zu behindern oder abzufangen. Doch einen expliziten Befehl zum Völkermord aus seinem Mund oder seiner Feder hat bisher kein Untersuchungsbericht aufführen können. Aus früheren Verfahren am Tribunal, etwa gegen den bosnisch-serbischen General Radislav Krstic, wurde deutlich, dass vor allem Armeeführer Mladic die treibende Kraft des Genozids war. Er leitete die Eroberung Srebrenicas persönlich und erteilte vor Ort die Befehle.

In den kommenden Monaten und Jahren wollen die Ankläger nun beweisen, dass auch Karadzic strafrechtliche Verantwortung für den Völkermord trägt.

Den Genozid halte er für „einen Mythos“, sagte der Angeklagte schon in seiner ersten Rede zu Prozessbeginn. Die Tausenden von Toten, die in der Umgebung von Srebrenica aus Massengräbern exhumiert wurden, seien keine Genozid-Opfer, beharrt er, sondern Muslime, die bei Kampfhandlungen ums Leben kamen oder eines natürlichen Todes gestorben sind. Alles das, erklärt Karadzic, sei nie korrekt untersucht worden.

Was aber, halten die UN-Ankläger dagegen, sei mit den mehr als 6000 Ermordeten, die anhand von DNA-Spuren inzwischen zweifelsfrei identifiziert wurden? Seit Jahren wird die Sisyphusarbeit der Identifizierung von der Internationalen Kommission für Vermisste Personen (ICMP) vorgenommen. In verschiedenen Ländern der Welt haben Hinterbliebene Blutproben abgegeben. Mit deren Hilfe können die sterblichen Überreste der Toten Namen und Gräber erhalten.

Karadzic vertraut den internationalen Experten der ICMP nicht, ja, er will die DNA-Tests „überprüfen lassen“, kündigt er an. Viele seiner Landsleute haben ein historisch gewachsenes Misstrauen gegenüber der Außenwelt, nach Jahrhunderten türkischer Unterdrückung und vor allem nach der traumatischen Erfahrung des Zweiten Weltkriegs. Hunderttausende Serben wurden damals getötet vom faschistischen Ustasa-Regime in Kroatien und dessen islamischen Verbündeten.

Dieser Genozid wird von serbischer Seite immer wieder als Ursache dafür genannt, warum die Serben 1992 nicht mit einem vereinten Bosnien einverstanden waren, in dem die Mehrheit muslimisch wäre. Drei Jahre später, nachdem mehr als 100 000 Menschen das Leben verloren hatten, bekamen die bosnischen Serben auf der Friedenskonferenz im amerikanischen Dayton internationale Anerkennung für die Republika Srpska, ihre weitgehend autonome Republik im bosnischen Staatsverband.

Die historischen Mythen aber wirken fort – und Radovan Karadzic arbeitet nun vor Gericht daran, ein Teil der Tradition zu werden.

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