Matthies meint : Am Grab einfach mal die Klappe halten

Warum hämisches und beleidigendes Stammtisch-Gerede im Internet die gesellschaftliche Atmosphäre vergiften kann - und Bernd Matthies wahnsinnig macht. Ein Kommentar.

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Das Grab des ehemaligen Außenministers Guido Westerwelle. Foto: dpa
Das Grab des ehemaligen Außenministers Guido Westerwelle.Foto: dpa

Es gibt sie ja, diese Momente, in denen wir einfach innehalten und zurücklesen. Kann das stimmen, was da steht, ist das ernst gemeint? Wer war das? Speziell das so heiß geliebte Genre der Verschwörungstheorie hat Texte in die Welt gesetzt, in denen sich Irrsinn und Wahnsinn aufs Erschreckendste vermählen – und man kann bei Facebook gar nicht so viele Leute entfreunden, wie dort solche Sachen mit zustimmender Zufriedenheit vermehren.

Aber ich will diesmal doch auf etwas anderes hinaus. Als am Wochenende Guido Westerwelle beigesetzt wurde und sich allgemein der verzerrte Blick auf diesen einst so umstrittenen Politiker entspannte, wenn nicht gar umkehrte, da wurde nicht nur viel berichtet, sondern auch viel kommentiert. Wer das gewohnheitsmäßig tut in den einschlägigen Foren, der kommt natürlich auch an Beerdigungen und den Berichten darüber nicht vorbei.

Und so schrieb einer an einer Stelle, die hier nicht interessieren muss, einer, der sich besonders scharfsinnig, wenn nicht gar investigativ vorkam, Folgendes zur Beerdigung: Da habe diese Veronica Ferres aus der Bibel vorgetragen, und diese Veronica Ferres sei bekanntlich mit dem verbrecherischen Maschmeyer verheiratet. Und daran könne man ja nun abschließend sehen, was von diesem windigen Westerwelle zu halten gewesen sei. Machen Sie damit, was Sie wollen: Ich musste würgen bei diesem dahergerülpsten Assoziationsmüll angesichts einer zu Herzen gehenden Trauerfeier. Ja, werden Sie sagen, was regt er sich darüber so auf? Ist doch nur so eine Art Stammtischgerede, so denken die Leute halt, das muss eben raus, und wenn einer nichts hat außer dem Internet – soll er’s dann seinem Kleiderschrank erzählen?

Bitte, ja, soll er. Mich macht diese hämische Bescheidwisser-Gestik wahnsinnig, dieses Politiker-sind-alle-Verbrecher-Geschwätz – und was einer schreibt, denken Tausende. Im Internet wird das alles nach oben gespült, dort vermischt sich solch bodenloses Geschwätz mit berechtigter Kritik und bedenkenswerten Anstößen und vergiftet die gesellschaftliche Atmosphäre. Bis sich, was ja nun immer häufiger geschieht, sensible Seelen fragen, weshalb der Umgangston im Alltag immer härter, immer gereizter wird.

Kann sein, dass das alles nichts miteinander zu tun hat. Aber trotzdem ist es sicher eine große zivilisatorische Errungenschaft, anlässlich von Beerdigungen einfach mal die Klappe zu halten.

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