Matthies meint : Hubertus Heil, oder: Die Wahrheit hinter den Fichten

Lassen Sie sich nicht hinter die Fichte führen. Bernd Matthies über die politisch-metaphorische Karriere eines lange verkannten Nadelbaums.

Bernd Matthies
Bernd Matthies
Bernd Matthies, Redakteur für besondere Aufgaben.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Gemeine Fichte (Picea Abies) ist ein großer, grüner Nadelbaum, schnellwüchsig, anspruchslos. Beiläufig nennen wir sie bisweilen „Tanne“, obwohl doch ein einziger Blick auf die hängenden Zapfen rasch Klarheit schafft. In letzter Zeit haben die sog. Randfichten Aufmerksamkeit erregt, keine Bäume, sondern Musiker, die für Thüringen das Gleiche sind wie die Philharmoniker für Berlin.

Doch plötzlich prägt die Fichte auch den Ton der deutschen Politik. Ganz unmerklich hat sie sich in den parteiübergreifenden Metaphernschatz geschlichen, wahrgenommen nur von aufgeweckten Redenschreibern. Bis der SPD-Vorredner Hubertus Heil sie am Montag nun endgültig ins rhetorische Allgemeingut pflanzte: „Wenn ihr einen habt, dann sagt das jetzt und führt die Menschen nicht hinter die Fichte!“

Es ging darum, dass die CDU einen neuen EU-Kommissar benennen soll, klar, man wird wohl zugeben müssen, dass die Menschen draußen im Wald gierig auf den Namen des Kandidaten warten, sie wollen die Wahrheit, wird es Koch sein? Merz? Mierscheid? Dr. Klöbner? Und alles, was die Union ihnen bietet, sind die rissigen Rückseiten großer, gemeiner Fichten. Da irren die Menschen nun hinter dem dicken Baum herum, arglos, ahnungslos, sie wünschen sich, hinter einer ranken Kiefer zu stehen oder einem lichten Nussbaum, doch keine Merkel mag sie hinführen.

Doch wie die Politik so ist: Alles schon da gewesen. Das betagte Sprachbild lag herum, bis es 2003 im Umfeld Sigmar Gabriels zu einem ersten massiven Auftreten kam. Dann adoptierte Guido Westerwelle den Baum, wurde mit vielen Fundstellen zum Fichtenpaten seiner Generation; Peer Steinbrück hielt George Bush mannhaft entgegen, er lasse sich nicht … Doch längst rufen auch Verdi-Funktionäre und Grüne ihrer Klientel zu, sie solle sich nicht hinter die Fichte führen lassen.

Alles spricht dafür, dass wir in den nächsten Wahlkämpfen einen Höhepunkt des Fichtenwachstums erreichen werden, immer weiter, immer höher, bis vor lauter Bäumen die Politiker nicht mehr zu sehen sind. Irgendwann stehen wir alle hinter der Fichte, im dunklen Wald der Gegenaufklärung – und nur noch die politische Kettensäge kann helfen. Wer setzt sie als Erster an?

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