Matthies meint : Was hat das Internet, was ich nicht habe?

Al Gore und Barack Obama haben ihn schon, nun also soll das Internet den Friedensnobelpreis bekommen. Was aber hat es bislang für den Frieden getan?

von
Bernd Matthies
Bernd Matthies, Redakteur für besondere Aufgaben.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Frieden ist nichts für Anfänger. Einfach nur nett sein und sich vertragen, eventuell auch ganz doll lieb haben – das klingt als Konzept zwar vielversprechend, hat aber in der Weltgeschichte so oft nicht funktioniert, dass alles für einen eingebauten Konstruktionsfehler spricht.

Deshalb ist auch die Sache mit dem Friedensnobelpreis so schwierig. Wer soll ihn bekommen? Wer hat ihn schon? Willy Brandt und Mutter Teresa dürften so ziemlich die Einzigen sein, an denen es auch nachträglich nie groß zu mäkeln gab – möglicherweise ließe sich was mit Brad Pitt und Angelina Jolie machen, die persönlich nie einen Angriffskrieg begonnen haben, sich immer wieder versöhnen und auch zu anderen generell ganz nett sind, das wäre schon ein Erfolg.

Aber sonst? Jassir Arafat, der legendäre Friedensfürst, Al Gore, der nicht ganz so legendäre Windmacher, Barack Obama, der seit der Ehrung für den Frieden so viel getan hat wie Hertha BSC für den Offensivfußball – sie geben kein wirklich taugliches Vorbild auf der Suche nach dem Preisträger 2010. Deshalb ist es irgendwie zwangsläufig, dass nun das Internet ins Gespräch gebracht wurde. Das Internet? Ist sicher kein Kandidat zum Knuddeln, eher eine Idee.

Denn: Was mag es für den Frieden getan haben, außer, dass es da ist und sich kaum noch jemand vorstellen kann, ohne Flatrate zu leben? Und dann der Ärger mit den übergangenen Kandidaten: Das Telefon wird, zumal in seiner historisch drahtgebundenen Form, ziemlich sauer sein, dass es vom Komitee ignoriert wurde, und auch das Flugzeug, das bevorzugte Beförderungsmittel der Weltdiplomaten, müsste sich fragen: Was hat das Internet, was ich nicht habe?

Es hat, wenn ich die Erfinder des Vorschlags richtig verstehe, vor allem den Vorteil, dass drinnen jeder machen kann, was er will. Das hat übrigens auch Hugo Chavez verstanden, der linke Knallteufel vom Dienst. Er will, dass dem Internet strengere Regeln auferlegt werden, denn es gehe nicht an, sagt er, dass dort jeder mache, was er wolle.

Deshalb spricht vieles dafür, dass beide in diesem Jahr den Preis bekommen: das Internet und Chavez. Dann sind alle zufrieden, die Diktatoren und die Antidiktatoren, die Korrekten und die Unbotmäßigen. Ach, und falls diese Idee keine Mehrheit findet: Hertha-Trainer Friedhelm Funkel wäre ein großartiger Kompromisskandidat. Niemand hat sich so für den friedlichen, aggressionsfreien Fußball eingesetzt wie er.

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