Mauerfall : Väter der Einheit sind stolz auf die Geschichte – und sich selbst

Zum Jahrestag des Mauerfalls treffen sich in Berlin noch einmal die Väter der Deutschen Einheit: Helmut Kohl, Michail Gorbatschow und George Bush.

Hans Monath

BerlinDutzende Male hat das Publikum an diesem Samstagmittag schon begeistert geklatscht, doch plötzlich wird es sehr still im Berliner Friedrichstadtpalast. Die Stimme ist vertraut, doch die Botschaft nur schwer zu verstehen, als Helmut Kohl auf der ganz in blau gehaltenen Bühne das Wort ergreift. Der Ex- Kanzler kann viele Worte nur schwer artikulieren, vernuschelt seine Sätze. Doch der Wille, bei der Feierstunde der Konrad-Adenauer-Stiftung zum 20. Jahrestag des Mauerfalls George Bush und Michail Gorbatschow zu treffen, ist so stark, dass er durchhält. „Ich hab’ allen Grund, bei allem Ärger und Verdruss, stolz zu sein“, sagt er. „Ich hab’ nichts Besseres, stolz zu sein, als auf die deutsche Einheit.“ Die 1800 Zuhörer im voll besetzten Theater danken es ihm mit prasselndem Applaus.

Der Kanzler der Einheit, er scheint alt geworden über die Jahre. Das weiße Haar ist noch schütterer geworden, das große Gesicht mit den wuchtigen Augenbrauen hat nun auch einen greisenhaften Zug. Nur langsam hat sich der 79-Jährige nach einem Unfall in seinem Haus in Oggersheim wieder erholt. Alleine gehen kann Helmut Kohl nicht, er sitzt im Rollstuhl. Und wenn er klatscht, dann finden seine Hände nur schwer zueinander.

Sichtlich gerührt ist der frühere Machtmensch von den vielen Huldigungen und von der Tatsache, dass er zusammen mit den beiden Politikern auf der Bühne sitzt, die „für uns Deutsche die wichtigsten Partner“ gewesen seien auf dem Weg zur Einheit. Als Bundespräsident Horst Köhler den Mauerfall eine „geschichtliche Sternstunde“ nennt und zum Urteil kommt, dass dabei „große Männer Geschichte gemacht“ hätten, blinken Kohls Augen merklich und er senkt den Blick. Auch im Publikum, das mit dem festen Willen gekommen scheint, ihn zu würdigen, sind viele ergriffen. In der dritten Reihe sitzt Kanzlerin Angela Merkel und klatscht immer wieder heftig.

„Gemeinsam, mutig und friedlich“ hätten die Deutschen die Einheit erreicht, sagt Helmut Kohl, darauf sei er stolz. Schließlich habe lange gegolten: „Wir Deutschen haben nicht allzuviel Grund, stolz zu sein in unserer Geschichte.“ Mit den beiden Partnern auf dem Podium habe ihn damals „unbändiges Vertrauen“ verbunden. Dafür verdienten sie Dank.

Das Wort „Dank“ ist auch in den Reden Köhlers und Bernhard Vogels, des Vorsitzenden der Adenauer-Stiftung, der meist gebrauchte Begriff. Es bedarf dann der Lässigkeit von Ex-Präsidenten Bush, um das Pathos ein wenig zu brechen und zum ersten Mal an diesem Mittag Lacher zu provozieren. Der 85-Jährige preist nicht nur Kohl als „großen Staatsmann des 20. Jahrhunderts“. Er würdigt ganz trocken und fast übergangslos auch seine Frau Barbara und die gemeinsame 54-jährige Ehe: „Sie ist die Frau mit den weißen Haaren dort.“

Der Texaner Bush hält sich an der Seite seines Freundes Kohl streng an die vereinbarten fünf Minuten Redezeit. Dafür nimmt sich Ex-Staatschef Gorbatschow dann um so mehr Raum für einen Gang durch die Geschichte und eine Mahnung für die Gegenwart. Auch vorangegangene Generationen hätten ihren Beitrag dazu geleistet, das Verhältnis Deutschlands und Russlands nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf eine gute Basis zu stellen: „Das ist ja nicht vom Himmel gefallen.“ Auch erinnert Gorbatschow daran, dass sein eigenes Verhältnis zu Kohl nicht immer ungetrübt gewesensei. Dann habe er gelernt: „Auf ihn kann man sich verlassen.“

Etwas überrascht reagiert das Publikum, als Gorbatschow auch die DDR würdigt. Sie habe bei der Annäherung von Ost und West einen Beitrag geleistet, weil sie Russland „ein Fenster nach Deutschland“ geöffnet habe. Dann wendet sich Gorbatschow direkt an Bush: „Ich sage Ihnen ganz einfach, Amerika braucht auch eine Perestroika.“ Auch die USA bräuchten gesellschaftlichen und politischen Wandel, um ihrer Führungsaufgabe in der Welt nachzukommen. Den Friedensnobelpreis für Barack Obama begrüßt Gorbatschow: „Es wird viel auf ihn ankommen.“ Ganz nebenbei macht der Ex-KPdSU-Generalsekretär auch noch der Politik von Kohls Nach-Nachfolgerin Merkel ein rieisges Kompliment. Sie führe Deutschland „sehr gekonnt im Interesse ihres Volkes, Europas und der Welt“.

Bundespräsident Köhler hat die Leistung der drei Staatsmänner da schon längst in eine Mahnung gewendet, nun die Herausforderungen der Zukunft anzugehen - etwa in der internationalen Entwicklungspolitik. Mitten in seiner Rede tut Köhler etwas, was er selten tut: Er weicht ab von seinem Manuskript. „Das die drei Männer heute hier sind“, sagte er spontan, „ist etwas Schönes – auch jenseits der Geschichte“. Es sei „Zeichen der Hoffnung und Ermutigung“.

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