Politik : Mehr Liebe

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Am 23. Mai wählt die Bundesversammlung einen neuen Präsidenten oder eine Präsidentin. Bis zur Wahl lesen Sie an dieser Stelle jeden Tag Wünsche ans neue Staatsoberhaupt:

Die wichtigste Aufgabe des nächsten Staatsoberhauptes ist es, die Deutschen dazu zu bringen, mehr Kinder zu bekommen. Niemand will Präsident einer menschenleeren Nation sein. Neulich lief ich mit einem Freund von Charlottenburg nach Mitte – ich glaube, wir haben nicht mehr als drei Kinder gesehen. Es war als ob sie vom Rattenfänger von Hameln mitgenommen worden wären. Der Charme von Johannes Rau war, dass er so offensichtliches Vergnügen an seinen TeenagerTöchtern hatte. Nun brauchen wir jedenfalls weniger Sentimentalität und einen ganz praktischen Präsidenten.

Irgendwie muss er (oder sie) die Deutschen davon überzeugen, mehr Sex ohne Gummi zu haben. Und, natürlich das Übliche: Ganztagsschulen, geringere Kita-Gebühren. Die Mutterschaft muss wieder ein Vergnügen werden. Aber am wichtigsten ist es, dass der Präsident dabei hilft, eine weniger materialistische Kultur zu definieren. Eine neue Studie in Großbritannien zeigt, dass ein durchschnittliches Kind, von der Geburt bis zur Universität, rund 124 000 Pfund kostet – Lebensmittel, Kleider, Klavierstunden, Nike-Schuhe. Die Summe ist genauso groß wie die durchschnittlichen Kosten einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Da ist der Gedanke nicht weit: Nun, Häuser werden nicht krank. Sie stellen keine dummen Fragen im Auto. Sie hören keine Techno-Musik. Sie gewinnen an Wert und man kann sie verkaufen, wenn sie einen langweilen. Deshalb: kein Wettbewerb. Warum sollen wir Kinder haben? Bitte, Präsident X, sagen Sie den Deutschen immer wieder, dass Kinder Gesellschaften bereichern.

Roger Boyes (51)

ist seit 1999

Deutschland-Korrespondent der Londoner Zeitung „The Times“. Vorher war er Korrespondent in Osteuropa. Boyes ist auch Tagesspiegel-Kolumnist.

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