Mehr religiöse Toleranz : Amerika betet anders

Die Evolutionsleugner beherrschen nicht mehr den Glauben in den USA. God’s own country ist toleranter geworden, links und gläubig passt zusammen.

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2010
2010Foto: REUTERS

Szene 1: An das Mikrofon tritt eine kleine, fröhliche, resolute Frau. Sie ist – wenn man von Michelle und Barack Obama sowie Bill Clinton absieht – der Star auf dem Parteitag der Demokraten in Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina. Schwester Simone Campbell lässt kein gutes Haar am Präsidentschaftskandidaten der Republikaner, Mitt Romney. Im Visier hat sie besonders dessen Vize, den Katholiken Paul Ryan.

Nur sieben Minuten redet Schwester Campbell. Immer wieder wird sie von lang anhaltendem Applaus unterbrochen. Obamas Gesundheitsreform verteidigt sie vehement. Doch im Unterschied zu allen anderen Rednern beruft sie sich auf Gott und ihren Glauben. „Unser Glaube verlangt von uns, dass wir alle füreinander verantwortlich sind. Ich bin die Hüterin meiner Schwester. Ich bin die Hüterin meines Bruders.“

Schwester Campbell führt eine Gruppe von Nonnen an, die mit dem Bus quer durch Amerika fahren, um für die Soziallehre der katholischen Kirche zu werben („Nuns on the Bus“). Wenn sie spricht, klingt sie wie eine frömmelnde Konservative, doch ihre Botschaft ist eher links: Sie plädiert für einen starken, solidarischen, fürsorgenden Sozialstaat. Zwar ist sie gegen Abtreibung, fordert von ihrer Kirche aber eine größere Toleranz gegenüber Homosexuellen.

Die „Nuns on the Bus“ gehören zu „Network“, eine Anfang der siebziger Jahre gegründete katholische Laienorganisation, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt. „Network“ ist ein Teil der größten amerikanischen Nonnen-Organisation „Leadership Conference of Women Religious“ (LCWR). Sie repräsentiert rund 80 Prozent der 57 000 Nonnen. Im April beschloss der Vatikan, die LCWR wegen „Abweichungen vom Dogma“, „radikaler feministischer Themen“, einer „schweren Krise der Glaubenslehre“ und unzureichender Verteidigung des Rechts auf Leben unter Aufsicht zu stellen. Schwester Campbell nennt das einen „Kulturkampf“.

Szene 2: Wer aus Washington D.C. die „Route 1“ Richtung Nordost immer geradeaus fährt, stößt nach etwa neun Kilometern auf eine große Gabelung. Richtung Norden geht’s auf der Baltimore Avenue weiter, Richtung Osten auf der Annapolis Road. Mittendrin, also gewissermaßen eingekreist von den Straßen und gut sichtbar von allen Seiten, steht ein 13 Meter hohes Kreuz. Es steht dort seit 1925, und es ehrt jene 49 Männer aus der Region „Prince George’s County“, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren. Errichtet wurde das „Memorial Peace Cross“ von Veteranen.

Wie lange es dieses Kreuz noch gibt, ist allerdings ungewiss. Denn die „American Humanist Association“, ein Dachverband vieler säkularer, agnostischer und atheistischer Organisationen, der sich seit seiner Gründung im Jahre 1941 für die Trennung von Staat und Kirche einsetzt, hat eine Klage gegen das Kreuz eingereicht. Das Monument stehe auf Staatsgelände, sei ein klares christliches Symbol und verletze daher das Gebot der religiösen Neutralität des Staates.

Im ersten Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten heißt es: „Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Einführung einer Staatsreligion zum Gegenstand hat, die freie Religionsausübung verbietet, die Rede- oder Pressefreiheit oder das Recht des Volkes einschränkt, sich friedlich zu versammeln und die Regierung um die Beseitigung von Missständen zu ersuchen.“ Außerdem darf die Regierung weder eine Religion einer anderen vorziehen noch die Religion als solche dem Fehlen von Religion.

Juristische Auseinandersetzungen dieser Art gibt es viele in den USA. Ein verbindliches Urteil des Obersten Gerichtshofes indes fehlt. Der Supreme Court schiebt die Grundsatzfrage, was genau religiöse Neutralität des Staates bedeutet, vor sich her und urteilt lieber von Fall zu Fall. Auch dies ist ein Kulturkampf.

Szene 3: Anfang September berichtete die „New York Times“ über einen neuen Trend. Immer mehr muslimische Einwanderer gehen in Amerika auf katholische Privatschulen und Universitäten. Als Grund dafür geben sie an, sich unter gläubigen Menschen wohler zu fühlen als unter nichtgläubigen. Und da es nicht genügend islamische Bildungseinrichtungen gibt, werden die Studiengebühren für katholische Universitäten bezahlt.

Die wiederum haben sich auf den Trend längst eingestellt. Gebetsräume werden zur Verfügung gestellt, beim Essensangebot in der Mensa die rituellen Vorschriften etwa beim Schlachten beachtet. Ein kopftuchverhülltes Mädchen aus Pakistan sagt: „Ich mag es, dass meine Kommilitonen religiös sind, auch wenn sie nicht meine Religion haben. Ich muss meinen Glauben nicht zu Hause lassen, wenn ich in die Universität gehe.“ Verstanden werden – das ist das Gegenteil von Kulturkampf.

Amerika, so heißt es in Europa gern, sei ein religionsverrücktes Land. In einer Gallup-Umfrage vom Oktober 2005 bezeichneten sich 53 Prozent der US-Bürger als Kreationisten, das heißt, sie glauben an einen Schöpfergott statt an die Evolution. Nur eine Minderheit würde einen nichtreligiösen Kandidaten zum Präsidenten wählen. Ob Abtreibung, Homo-Ehe, Keuschheit oder Todesstrafe: Bei moralischen Themen wird’s leidenschaftlich. Und ob George W. Bush oder Osama bin Laden: Waren nicht beide irgendwie antisäkulare Fundamentalisten?

Doch Amerika wird anders. Weniger religiös, vielfältiger im Glauben, kulturell toleranter. Bei „Kramerbook“ am Dupont Circle im Zentrum von Washington D.C. liegen gut sichtbar folgende Buchtitel aus: „Good without God“, „Religion for Atheists“, „How to be Secular“ sowie eine Aufsatzsammlung von Bertrand Russell „Why I am not a Christian“. In einer Umfrage des „Pew Research Center“ vom März 2012 beklagte eine Mehrheit der Amerikaner, dass die Religion eine zu große Rolle in der Politik spiele. Ebenfalls eine Mehrheit sagte, religiös konservative Kreise hätten einen zu großen Einfluss auf die Republikanische Partei. Laut Gallup befürworten inzwischen mehr als 80 Prozent der amerikanischen Katholiken die Geburtenkontrolle – und die Hälfte der Bevölkerung die gleichgeschlechtliche Ehe.

Gleichzeitig steigt laut Pew die Zahl jener, die ihre Religionszugehörigkeit wechseln (28 Prozent) oder ganz aussteigen. Eine Rekordzahl von 16,1 Prozent der Amerikaner fühlt sich heute keiner Glaubensrichtung mehr verbunden. Über ein konstantes Wachstum, wenngleich auf weiterhin niedrigem Niveau, können sich auch die Atheisten freuen. Ihre Zahl hat sich in den vergangenen sieben Jahren auf fünf Prozent der Bevölkerung verfünffacht. Dazu beigetragen haben zweifellos die Bestseller des britischen Evolutionsforschers Richard Dawkins, der Anfang des Jahres einer der Hauptredner der „Reason Rally“ war, die tausende Atheisten zur Mall nach Washington trieb.

Auf vielen Feldern kämpfen die „American Atheists“ und die „American Humanist Association“ (AHA) Hand in Hand. Gegen Gebete und religiöse Symbole an öffentlichen Schulen, für die nichtreligiöse Begründung der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen während des Vietnamkrieges, für säkulare Bestattungs- und Hochzeitsrituale. Vor vier Jahren schaltete die AHA in Washington D.C. eine großflächige Werbekampagne auf Bussen mit Slogans wie „Why believe in a god? – Just be good for goodness’ sake“. Vor einem Jahr weitete man die Kampagne aufs landesweite Fernsehen aus. Ja, Atheist zu sein, gilt in Teilen Amerikas immer noch als Stigma.

Dieses Schicksal teilen Atheisten mit anderen „Abweichlern“. Im Juli 2008 veröffentliche der protestantische Pfarrer Chapin Garner im Internet sein persönliches Manifest „Coming out – Liberal and Evangelical“. Darin beschreibt er, wie er durch Herkunft und Erziehung beides wurde, liberal und fromm. „Ich wuchs in zwei Welten auf, die eine war evangelikal und christlich, die andere liberal und christlich.“ Und während sich seine evangelikalen Freunde darüber beschwerten, dass er sich für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzte, wunderten sich Garners liberale Freunde über dessen Frömmigkeit und Bibeltreue.

Garner ist keine Ausnahme mehr. Links und fromm – das geht in Amerika immer öfter zusammen. Mehr als 100 Millionen Amerikaner bezeichnen sich als Evangelikale oder Wiedergeborene (evangelikal sagen die Weißen, wiedergeboren die Schwarzen). Rund siebzig Prozent der weißen Evangelikalen stimmen traditionell für die Republikaner. Doch je jünger die Evangelikalen sind, desto eher tendieren sie zu Obama. Die jungen Frommen sind für eine gesetzliche Krankenversicherung, die staatliche Armutsbekämpfung, den Umweltschutz und die Homo-Ehe. Sie erinnern sich daran, dass der erste Präsident, der sich „wiedergeboren“ nannte, nicht Bush war, sondern Jimmy Carter. Gerechtigkeit, Solidarität und Toleranz: Das sind für sie keine sozialistischen Vokabeln, sondern Gebote ihres Glaubens.

Katholiken stellen die größte Zahl der Wechselwähler in den USA, und viele von ihnen sehen das ähnlich. Besonders romtreu sind sie ohnehin nicht. In der womöglich wahlentscheidenden Gruppe der Latinos (oder Hispanics) führt Obama gegen Romney mit 67 zu 27 Prozent. Denn katholische Latinos sind einerseits gegen Abtreibung, andererseits aber gegen die Todesstrafe und für einen funktionierenden Sozialstaat.

Am wichtigsten aber ist für sie die unterschiedliche Haltung der Präsidentschaftskandidaten zur illegalen Einwanderung. Romney will sie mit drastischen Methoden bekämpfen. Dazu zählt die Strategie der „self-deportation“, was frei übersetzt heißt: Mache den Illegalen das Leben zur Hölle, damit sie von selbst wieder gehen. Obama dagegen unterstützt den „Dream-Act“, eine Gesetzesinitiative, die den Kindern von illegalen Einwanderern, wenn sie einen Schulabschluss oder in der Armee gedient haben, die Staatsangehörigkeit ermöglicht. Neunzig Prozent der Latinos sind für den Dream-Act. Romney hat angekündigt, gegen ein solches Gesetz als Präsident sein Veto einzulegen.

Romneys Rigidität in dieser Frage verwundert nicht allein wegen ihrer taktisch unklugen Komponente. Müsste nicht er, der Mormone, auch wissen, was es bedeutet, der Vertreter einer Minderheit zu sein, die lange Zeit verfolgt worden war? Denn in gewisser Weise ist der Präsidentschaftswahlkampf ja ein klassisch amerikanisches Minderheitenduell. Ein Schwarzer gegen einen Mormonen. Mit Vorurteilen und Ressentiments werden beide konfrontiert. Rund fünf Prozent der Amerikaner sagen, sie würden nie einen Schwarzen zum Präsidenten wählen. Laut Gallup würden 20 Prozent der Amerikaner nie für einen Mormonen stimmen.

Rund sechs Millionen Mormonen leben in den USA. Weltweit hat die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“ mehr als 14 Millionen Anhänger. 1830 wurde sie von Joseph Smith gegründet, der von einem Engel in einer göttlichen Offenbarung das Buch Mormon erhalten haben will. Nach dem Verständnis der Gläubigen ist es eine Ergänzung zum Wirken Jesu Christi, wie es im Neuen Testament niedergeschrieben ist. Das Buch Mormon lehrt die Präexistenz des Menschen, der in der Geburt zu seiner geistigen Substanz einen Körper hinzugewinnt. In der Welt muss er sich durch gute Taten bewähren. Einen besonders hohen Stellenwert hat für Mormonen die Familie, die über den Tod ihrer Mitglieder hinaus existiert.

Als unchristlich wurden Mormonen lange Zeit in Amerika äußerst misstrauisch beäugt. Um der Verfolgung zu entgehen, zogen sie sich in abgelegene Gegenden zurück. Die meisten von ihnen leben immer noch in den Staaten der Rocky Mountains. Mormonen haben strenge Regeln. Alkohol ist verboten. Jungen gehen im Alter von 19 Jahren für zwei Jahre, Mädchen im Alter von 21 Jahren für 18 Monate auf Mission. Oft müssen sie ins Ausland und eine Fremdsprache lernen. Zehn Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche wird dann für den Glauben geworben.

Durch die intensive Auslandserfahrung der meisten ihrer Mitglieder sind Mormonen-Gemeinden oft weltoffen. Und wer als Jugendlicher, wie es auch Romney tat, zwei Jahre lang versucht, die Franzosen vom Rotwein abzubringen, hat gelernt, mit Rückschlägen und Widerständen umzugehen. Einige vermuten, dass sie diese Kombination auch im Geschäftsleben so erfolgreich macht. Die „Harvard Business School“ etwa wird von den drei Ms dominiert: McKinsey, Militär und Mormonen. Stichwort: „emotion-free crisis management“.

Michael Kranish und Scott Helman haben gemeinsam das Buch „The Real Romney“ geschrieben, einen Auszug davon veröffentlichte im Februar 2012 das Magazin „Vanity Fair“. Darin wird auch die Geschichte von Peggie Hayes erzählt, die als Teenagerin mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern zu den Mormonen übergetreten war und im Hause der Romneys gelegentlich auf die Kinder aufpasste. Mit 18 Jahren zog sie nach Los Angeles, heiratete, bekam eine Tochter, wurde geschieden. Mit 23 Jahren zog sie nach Massachusetts zurück, nach Somerville im Norden von Boston, als Mormonin und alleinerziehende Mutter.

Dann wurde Peggie Hayes erneut schwanger, was außerhalb der Ehe für Mormonen ein gravierendes Problem ist. In ihrer Not wandte sich Hayes an Romney, der in ihrer Gemeinde eine Art Bischof war. Romneys Alternative war klar, berichtet die Frau: Gib das Kind zur Adoption frei oder verlasse unsere Kirche! Wenn eine erfolgreiche Ehe unwahrscheinlich ist, empfehlen Mormonen die Freigabe zur Adoption. Kinder außerhalb von Ehe und Familie großzuziehen, widerspricht ihrem Glauben.

Romney kann sich an das Gespräch mit Hayes zwar nicht im Detail erinnern, er bestreitet aber nicht, dass es so gewesen sein könnte. Er weiß, wie gefährlich es für ihn im Wahlkampf wäre, permanent als Mormone identifiziert zu werden. Deshalb vermeidet er religiöse und moralische Themen. Womöglich ist er der erste Kandidat der Republikaner, der nicht gerne über Werte spricht. Auch dies ein Novum.

Politik und Religion: Ganz trennen lässt sich das in Amerika nie. Nur manchmal. Obama ist der erste Präsident, der sich für die gleichgeschlechtliche Ehe ausgesprochen hat. Ein Drittel der Schwarzen - viele davon Baptisten, moralisch-kulturell eher konservativ – findet das falsch. Doch stimmen werden sie zu 93 Prozent für ihren Präsidenten. Diesen Kulturkampf tragen sie mit sich selber aus.

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