Politik : „Mein Rücktritt hatte Anteil“Gregor Gysi über die Wahlniederlage der PDS

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Ist das heute der Anfang vom Ende der PDS?

Nein, das glaube ich nicht. Zumindest muss es nicht so sein. Wir müssen sehr gründlich analysieren, warum vor allem die Verluste im Osten so dramatisch sind. Da muss etwas an Kultur und Sinnlichkeit und auch an emotionaler Verbindung verloren gegangen sein. Wir müssen klären, wie es dazu kommen konnte und wie man das wieder ausgleichen kann. Viele im Osten, die diesmal die PDS nicht gewählt haben, werden schon nach einem Jahr merken, dass für sie selber ein Vakuum entstanden ist. Wenn das entsprechend genutzt wird, bin ich überzeugt, dass die PDS in vier Jahren wieder in den Bundestag einziehen kann. Wir haben uns nach Krisen immer wieder selbst aus dem Sumpf gezogen, und haben auch das Zeug dazu.

Die PDS in ihrer schwersten Krise?

Die hatten wir 1989, in jeder Hinsicht. Dann erinnere ich mich an den Finanzskandal, das war auch eine fast existenzielle Krise. Danach ist es sicherlich die größte.

Haben die Regierungsbeteiligungen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern geschadet?

Generell nicht. Mir ist gesagt worden, dass wir in Berlin im Vergleich zur Bundestagswahl 1998 nur ein Prozent verloren haben, in Sachsen vier.

Bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern fiel der PDS-Verlust wesentlich drastischer aus.

Also kann man nicht die Gleichung aufmachen, Regierungsbeteiligung gleich Verlust.

War Ihr Rücktritt vom Amt des Berliner Wirtschaftssenators ein Fehler?

Wenn ich nicht zurückgetreten wäre, und wir hätten heute eine solche oder ähnliche Wahlniederlage hinnehmen müssen, wäre die Frage gewesen, ob mein Kleben am Posten ein Fehler war. Was hätte ich dann sagen sollen? Aber ich will gar nicht bestreiten, dass mein Rücktritt einen Anteil am schlechten Wahlergebnis der PDS ausgemacht hat. Mich erschreckt daran, wie wichtig doch inzwischen Personen im Vergleich zu Programmen und Inhalten geworden sind. Eine unangenehme Feststellung: Man ist ja Linker gerade aus inhaltlichen Gründen geworden.

Ihre Nachfolgemannschaft, das Spitzenquartett für den Wahlkampf, ist demnach nicht genug durchgedrungen?

Es ist ein anderes Konzept, mit vier Leuten nach vorne zu gehen. Es kann schon sein, dass dieses Konzept von den Wählern nicht so angenommen wurde. Aber ich werde jetzt nicht über einzelne Personen ein Urteil treffen. Und ich wäre auch der Letzte, der ihnen Vorwürfe machen dürfte.

Haben die anderen Parteien womöglich längst selbst genug Gefühl für den Osten?

Das denke ich überhaupt nicht. Ich glaube eher, dass uns da was verloren gegangen ist, und weniger, dass es die anderen inzwischen haben. Im Gegenteil: Vielleicht werden wir im Osten schon als eine Idee zu westlich angesehen. Das ist eher unser Problem, als dass die anderen zu östlich geworden wären.

Sie haben vor der Wahl erklärt, die Übernahme eines Amtes für die PDS komme für Sie nicht in Frage. Gilt das nach diesem Wahldebakel noch?

Selbstverständlich. Die Lösung muss vorne liegen und nicht in der Rückbesinnung.

Und die PDS, die sich in drei Wochen in Gera zum Bundesparteitag trifft, schart sich wieder hinter der glücklosen Vorsitzenden Gabi Zimmer?

Ich habe keine Ahnung, was in Gera sein wird. Und ich teile auch diese negative Beurteilung von Gabi Zimmer nicht.

Also keine personellen Konsequenzen?

Die will ich gar nicht ausschließen. Das muss erstmal jeder und jede für sich ausmachen. Sie können Leute gar nicht hindern, personelle Konsequenzen zu ziehen. Ich hoffe nur, dass wir jetzt nicht eine Schlammschlacht erleben, denn das würde alles viel schlimmer machen.

Wie wird sich das Verhältnis zur SPD entwickeln?

Die PDS ist immer gut beraten, zur Zusammenarbeit mit der SPD bereit zu bleiben, aber gleichzeitig die Unterschiede und eigenes Profil besonders deutlich zu machen. Wenn uns das zum Beispiel nicht gelungen wäre, wäre das natürlich auch ein Fehler. Aber wenn wir uns völlig abkapseln und sagen, wir stehen für keine Zusammenarbeit zur Verfügung, würde uns das isolieren. Isolierung ist auch kein besonders attraktiver Wahlgrund.

Eine Mahnung an die Orthodoxen, die jetzt Oberwasser in der PDS verspüren könnten?

Ich könnte mir schon vorstellen, dass die versuchen, mehr Einfluss zu erhalten. Ich hoffe aber, dass sie dabei nicht erfolgreich sind.

Und Sie selbst? Finden wir Sie irgendwann in der SPD wieder, wenn es mit der PDS weiter bergab geht?

Nein, nein. Mein Parteileben würde damit auch abschließen. Ich werde ganz bestimmt keine neue Parteikarriere in welcher Partei auch immer anstreben.

Das Gespräch führte Matthias Meisner.

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