Politik : "Mescalero"-Text: Wie weit reicht die Meinungsfreiheit?

Stefan Reinecke

Wohl kein Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik hatte ein heftigeres Echo als der so genannte Mescalero-Text. 1977 löste er eine Welle von Empörung aus. Etliche Prozesse gegen den Göttinger Asta und 48 Professoren, die eine Dokumentation mit dem Skandal-Text herausgaben, folgten. Die Polizei durchsuchte in Göttingen Druckereien und Wohnungen. Von "Zeit" über die Springer-Presse bis zur "Frankfurter Rundschau" war der Tenor einhellig: "Blanker Faschismus" und "Stürmer-Stil".

Die damalige Unversöhnlichkeit läßt sich nur aus dem verstehen, was im Jahr 1977 noch geschah: die Schleyer-Entführung, Mogadischu, die Selbstmorde in Stammheim. Zusehends galt "dafür oder dagegen", die Logik der Lager wirkte auf beiden Seiten. Der CDU-Politiker Wilfried Hasselmann erklärte die 48 Professoren kurzerhand zu "Lobrednern des Terrors".

Viele Linke sahen in all dem den Beweis, dass der deutsche Staat noch immer ungebrochen autoritär sei - und stellten ihn unter zumindest latenten Faschismusverdacht. Oskar Negt hatte in den frühen 70er Jahren einen prinzipiellen Bruch mit jedem Terror verlangt - doch unter dem Druck der Ereignisse blieben viele in doppelten Loyalitäten gefangen. Der "Mescalero"-Text spiegelt genau diese Ambivalenz: einen tief sitzenden, grenzen- und maßlos Hass auf das "System" und seine Repräsentanten - und die Erkenntnis, dass der Terrorismus eine Sackgasse ist. Es war ein Text, der die Motive der RAF vor der RAF retten wollte. Für die Szene war der Text damals ein Schritt weg vom Terror: nicht trotz, sondern wegen seiner inhumanen Sprache. Er widerlegte im Ton der RAF-Sympathisanten die RAF. Die ideologische, rhetorische Abrüstung, die Auflockerung der Lager, geschah erst in den 80er Jahren. Nur so konnte auch verhindert werden, dass die RAF immer weiter jugendlichen Nachwuchs an sich band.

Umweltminister Trittin hat den "Mescalero"-Text damals politisch unterstützt. Er war Aktivist des "Kommunistischen Bundes". Jetzt hat er im "Stern" nachgeholt, was viele Linke versäumten: "Wir haben damals versucht, auf eine vielleicht zu trotzköpfige Art die Meinungsfreiheit zu verteidigen." Und: "Was wir damals nicht sehen wollten, war, dass unabhängig vom Inhalt schon die Sprache für die Angehörigen der Opfer unerträglich sein musste. Das war ein schwerer Fehler." Eine späte, richtige Erkenntnis. Christian Wulff, CDU-Vorsitzender in Niedersachsen, hält Trittin für eine "Schande für Deutschland". Vertraute Töne: Da ist sie wieder, die Sprache der Lagerbildung.

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