Politik : "Mindestens 30 000 Kosovaren getötet"

MARTIN GEHLEN

BERLIN/GÖTTINGEN .Mindestens 30 000 Albaner und Angehörige nicht-serbischer Minderheiten sind nach Schätzungen der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) im Kosovo seit Beginn der Krise gewaltsam ums Leben gekommen.Die Zahl könne aber auch "wesentlich höher liegen", sagte der Vorsitzende Tilman Zülch am Dienstag bei der Vorstellung der 200seitigen Dokumentation "Genozid im Kosovo".

Drei Untersuchungsteams der in Göttingen ansässigen Menschenrechtsorganisation hatten in den vergangenen Wochen in albanischen, bosnischen und mazedonischen Lagern Vertriebene nach ihren Erlebnissen befragt und die Aussagen protokolliert."Die meisten der rund tausend Berichte sind zutiefst erschütternd", sagte Zülch.Wenn die Angaben der Augenzeugen über die Zahl der Opfer von Einzel- und Massenerschießungen, Massakern, schwersten Mißhandlungen und Vergewaltigungen durch serbische Truppen und Spezialeinheiten auf die Gesamtzahl der Flüchtlinge hochgerechnet würden, sei "das Ausmaß der Verbrechen im Kosovo kaum zu fassen".

Allein die von den Teams der Gesellschaft Befragten bezeugten, daß zwischen 2000 und 3000 Albaner umgebracht worden seien, sagte Zülch.Die Auswertung von Berichten anderer Menschenrechts- und Hilfsorganisationen, Regierungsinstitutionen und Medien, die die GfbV ebenfalls in ihre Dokumentation eingearbeitet hat, ergebe eine geschätzte Zahl von mindestens 10 000 Erschossenen.Nach Ansicht der Menschenrechtler belegen die zusammengetragenen Aussagen, daß im Kosovo der Tatbestand des Völkermords erfüllt ist.

Die GfbV geht zudem davon aus, daß serbische Einheiten seit März 1998 mindestens 650 Dörfer im Kosovo "ganz oder teilweise" zerstört haben.Die historischen Altstädte von Pec und Djakovica seien ebenfalls weitgehend dem Erdboden gleichgemacht, Moscheen und katholische Kirchen niedergebrannt worden.Bis zu 1,5 Millionen Kosovaren seien aus ihren Wohnungen vertrieben worden oder geflüchtet.960 000 Menschen hätten das Land verlassen müssen, im Kosovo selbst befänden sich gegenwärtig noch rund 500 000 Personen auf der Flucht.

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