Politik : Mit bayerischem Schwung

Markus Feldenkirchen

Wenn Heinz-Jürgen Gathmann von "seinem Kandidaten" spricht, kommt das noch etwas holprig über die Lippen. Gathmann, CDU-Ortsverein Dortmund-Mitte, seit 26 Jahren, ist eigentlich Merkel-Anhänger, muss nun aber notgedrungen den Stoiber-Unterstützer geben. Jetzt sitzt er hier im "Saal Harmonie" des Frankfurter Messezentrums zwischen 2300 Basisdarstellern der Union, die aus allen Teilen des Landes per Bus herangebracht wurden. Zum offiziellen Wahlkampfauftakt der Union. Zur ersten Rede des Kandidaten. Zwei Sorgen quälen Gathmann: zum einen "dieses ganze bayerische Wesen" und daher die Frage, ob der Kandidat auch bundesweit ankommt. Und dann will er nach dem verpatzten Auftritt des Kandidaten in der Talkshow "Sabine Christiansen" wissen, ob der Kandidat medienwirksamer auftreten könne als der Kanzler. Gathmann hat da Zweifel. Fahnenschwenkende Rentner und klatschwütige Anzugträger der Jungen Union begleiten den Einzug des Kandidaten. "Und wir haben ein Idol, Edmund Stoiber" schallt es aus den Mündern der Jung-Unionisten und der Basis aus Bayern. Fußballatmosphäre. Die ersten Reden von Gastgeber Roland Koch, dem Vielleicht-Kandidaten des Jahres 2006 und Angela Merkel, der Fast-Kandidatin 2002 sind nur kurzes Vorspiel für den Auftritt des realen Kandidaten.

Medienwirksamer als in der Talkshow spricht der in Frankfurt allemal. Dafür sorgt das professionelle Manuskript, 35 Seiten, große Schrift, das wichtige fett gedruckt. Da der Kandidat sich artig daran hält, gelingt die äußere Form des Vortrags. Inhaltlich gibt Stoiber den Großen Integrator. Der selbsternannte Kandidat der Mitte will zusammenführen.

Dann die Wirtschafts- und Steuerpolitik, Stoibers Leib- und Magen-Gebiet. Er stellt Forderungen, konkrete Versprechen macht er nicht. Dafür ist es noch zu früh im Wahlkampf. Für Attacken gegen die Regierung allerdings nicht. Dass Deutschland beim Wirtschaftswachstum in Europa derzeit auf dem letzten Platz liegt, kommt ihm so gelegen, dass er es gleich viermal in den Saal schleudert, fein säuberlich über die Rede verteilt. Stoiber will die "Verriegelung des Arbeitsmarktes beseitigen" und die Anreize erhöhen, damit Arbeit wieder angenommen werde: Steuern runter, Sozialabgaben runter, die Anrechnung von Arbeitseinkommen auf Sozial- und Arbeitslosenhilfe verringern. Wirklich Neues sagt er hier nicht. Auch nicht zur Frage, ob eine höhere Neuverschuldung vielleicht ganz sinnvoll sei, um die Wirtschaft anzukurbeln. Darüber hatte es vergangene Woche einen öffentlichen Dissens zwischen ihm und Merkel gegeben. In Frankfurt bekennt sich Stoiber nun zu einem entschiedenen Sowohl-als-Auch. Die Alternative laute nicht: "Sparen oder investieren." Sie müsse lauten: "Gezielt sparen und gezielt investieren." Wohin genau er mit was zielen will, verrät er auch noch nicht.

Der überraschendere Teil seiner Rede sind jene Passagen, in denen es nicht um Zahlen geht. Den Eindruck, der konservative Stoiber sei seit seiner Nominierung zum "Weichspüler" mutiert, will er in Frankfurt nicht verstärken. Deshalb lobt er die Leistung der Heimatvertriebenen, nennt es "unerträglich" wie der tschechische Ministerpräsident Zeman diese jüngst kritisierte, jene Sudetendeutschen, "die bei Flucht und Vertreibung unsägliches Leid ertragen mussten". Da ist er wieder, der alte Stoiber. Auch wenn er Werte wie Gemeinsinn, Geborgenheit, Heimatliebe und einen aufgeklärten Patriotismus stärken will, wenn er einen "Bewusstseinswandel" bewirken will, zugunsten der "traditionellen Familie".

Am Ende glaubt die vorhandene Unionsbasis fest, dass es mit dem Kandidaten Stoiber doch etwas geben kann. "Edmund, Edmund", tönt es wie aus einem Mund. Auch Heinz-Jürgen Gathmann aus Dortmund Mitte skandiert mit. Seine Fragen an den Kandidaten sind beantwortet. Für den Moment wenigstens.

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