Politik : Mit den Augen des Orients

Martin Gehlen

Berlin - Arabien im Bundestag. Die Chance für einen Perspektivenwechsel nannte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse dieses bislang einmalige Treffen – „geradezu überfällig in einer Welt voller alter und neuer Feindbilder. Mehr als 300 Politiker, Parlamentarier und Wissenschaftler aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Nordafrika sind nach Berlin gekommen und bevölkern drei Tage lang das Paul-Löbe-Haus.

Mit Kritik und ihren Frustrationen hielten die Gäste dann auch nicht lange hinter dem Berg. Sie fühlen ihren Kulturkreis inzwischen pauschal mit Terrorismus identifiziert. So beklagte mit bewegter Stimme und in akzentfreiem Deutsch ein algerischer Germanistikprofessor, wie er und seine Kollegen mittlerweile bei der Visavergabe von deutscher Seite gedemütigt werden. „Seit Jahrzehnten sind wir die inoffiziellen Botschafter der deutschen Kultur in unserer Heimat“, rief er den betreten dreinblickenden deutschen Volksvertretern entgegen. „Und plötzlich werden wir behandelt wie Terroristen.“

Auch der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa, warnte davor, Islam und Terrorismus in einen Topf zu werfen. Araber würden heute wahllos beschuldigt, sei es aus Absicht oder aus Unkenntnis, beklagte er und rief zu mehr gegenseitigem Respekt auf. „Extremisten versuchen, die arabische und islamische Welt zu ihrer Plattform zu machen“, sagte er. „Aber dem stellen wir uns klar entgegen.“ Es gelte, Terrorismus und Fanatismus zu bekämpfen und sich gemeinsam den Extremisten entgegenzustellen.

Selbstkritisch räumte die arabische Seite aber auch die Notwendigkeit von Reformen ein. Besonders der UN-Entwicklungsbericht über ihre Region steckt vielen arabischen Politikern in den Knochen. Nach dem Urteil der Vereinten Nationen bilden der Nahe und Mittlere Osten in puncto Menschenrechte und Frauenrechte, aber auch bei der demokratischen Beteiligung der Bevölkerung mittlerweile das Schlusslicht der Welt. Etwa die Hälfte der Menschen in dieser Region ist jünger als 25 Jahre alt. Sie brauchen Ausbildung und Perspektiven, damit sie nicht ins radikale Milieu abrutschen. Hier könne Europa helfen, forderten die arabischen Gäste – mit Berufsbildung, mit gemeinsamen Projekten, mit Investitionen und mit Wirtschaftshilfe.

Engere wirtschaftliche Verbindungen jedoch, sagte Unions–Vizefraktionschef Wolfgang Schäuble „bedeuten zwangsläufig, dass man sich öffnen muss“. Sein SPD-Kollege Gernot Erler ergänzte, er erwarte, dass sich alle Muslime künftig „aktiv mit dem Thema Gewalt auseinander setzen und aktiv für eine Ächtung der Gewalt eintreten“.

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