Politik : Mit der Wahl des Muslimführers ist Suhartos Regime endgültig abgetreten (Kommentar)

Tanja Stelzer

Eine Frau an der Spitze des bevölkerungsreichsten islamischen Staates - natürlich wäre das ein schönes Zeichen gewesen. Spätestens nachdem der Nachlassverwalter des Suharto-Regimes, Jussuf Habibie, seine Kandidatur bei den indonesischen Präsidentschaftswahlen zurückgezogen hatte, wartete die Welt auf Megawati Sukarnoputri. Nach 32 Jahren autokratischer Herrschaft sollte sie das schwere Erbe antreten und die Demokratie nach Indonesien bringen. Fast schien eine neue Politik-Heldin geboren. Genug Charisma brachte sie mit, als Tochter des beliebten Staatsgründers Sukarno. Doch die Mitglieder der Beratenden Volksversammlung haben sich nicht getraut, eine Frau zu wählen. Statt Megawati Sukarnoputri haben sie Abdurrahman Wahid zu ihrem neuen Präsidenten bestimmt.

Der neue Mann an der Spitze Indonesiens ist ein Muslimführer. Ein Wort, das Ängste auslöst im Westen. Schließlich hat man Bilder im Kopf von Straßenschlachten zwischen Christen und Moslems auf Ambon. Und haben nicht in Ost-Timor islamische Milizen Jagd auf christliche Befürworter der Unabhängigkeit gemacht?

Trotzdem werden die westlichen Regierungen in den nächsten Tagen Abdurrahman Wahid ihre Glückwünsche überbringen. Sie haben Recht, denn die Entscheidung für Wahid ist zwar auf den ersten Blick weniger mutig; politisch gesehen ist sie aber vielleicht sogar die bessere Wahl.

Abdurrahman Wahid trägt den Ehrentitel "Gus", was übersetzt bedeutet: "Hochverehrte Heiligkeit". Er ist eine moralische Autorität, ein alter Kritiker des Suharto-Regimes, geschätzt von Moslems wie von Nicht-Moslems. Und er war immer schon für die Trennung von Staat und Kirche. Ihm schwebt kein fundamentalistischer Staat vor. Dafür ist das Land der 13 500 Inseln, wo es die unterschiedlichsten Richtungen moslemischen Glaubens gibt, auch viel zu heterogen. Der Islam Wahids hat eher eine soziale als eine religiöse Funktion; seine nach Suhartos Sturz gegründete Nationale Erweckungspartei ist sowohl für Moslems als auch für Nicht-Moslems offen.

Es gab in den letzten Monaten nicht viele gute Nachrichten aus Indonesien. Jetzt gibt es gleich zwei: Indonesien hat einen frei gewählten Präsidenten, und die Unabhängigkeit Ost-Timors ist akzeptiert. Auch die Christen auf Ost-Timor können über den Wechsel an der indonesischen Staatsspitze jubeln. Denn Wahid hat sich im Gegensatz zu Sukarnoputri in der Ost-Timor-Frage, dem buchstäblich brennenden Problem Indonesiens, stets versöhnlich gezeigt, was ihn für manche schon wieder suspekt macht. Mit Habibie ist in Indonesien endgültig das alte Regime abgetreten, das es hervorragend verstand, seine Elite zu versorgen, nicht aber, der Bevölkerung in Zeiten der wirtschaftlichen Krise eine Perspektive zu geben und das Land mit seinen 300 ethnischen Gruppen und Sprachen zusammenzuhalten. Habibie konnte das System nicht retten. Die jüngsten Reformen - mehr Freiheiten für Presse und Gewerkschaften, das Referendum in Ost-Timor - hat er mehr aus der Angst ums politische Überleben als aus Überzeugung durchgesetzt. Dass er vorhatte, aus Indonesien eine Demokratie zu machen, hat ihm niemand abgenommen.

Von dem neuen Präsidenten kann man hoffen, dass er es versucht. Und dass er die Unterstützung der in der indonesischen Politik traditionell wichtigen Armee und der Bevölkerung gewinnt. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen, die sofort nach der Wahl einsetzten, lassen ahnen, vor welcher Aufgabe Wahid steht. Die Machthaber des alten Regimes mussten lernen, was Demokratie ist. Jetzt ist das indonesische Volk dran. Hoffentlich lässt es sich von dem halb blinden und schwer kranken Mann überzeugen. Hoffentlich hat er die Kraft dazu.

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