Politik : Mit Gewalt

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Der Fall erregte großes Aufsehen: Darf die Polizei einem mutmaßlichen Täter mit Gewalt drohen, wenn sie glaubt, damit das Leben eines entführten Kindes retten zu können? So etwas hatte es in der Geschichte der Bundesrepublik zuvor nicht gegeben. Nach der Entführung des Bankierssohns Jakob von Metzler im September 2002 weigerte sich der Tatverdächtige Magnus Gäfgen, der Polizei das Versteck seines entführten Opfers zu zeigen. Er hielt die Polizei im Glauben, das Opfer lebe noch. In dieser Situation ordnete der stellvertretende Polizeipräsident von Frankfurt, Wolfgang Daschner, an, dem Täter mit Gewalt zu drohen, wenn er nicht das Versteck des Opfers preisgebe. Anschließend führte Gäfgen die Ermittler zu der Leiche des Jungen, den er kurz nach der Entführung getötet hatte.

Daschner legte anschließend einen Vermerk über seine Gewaltdrohung an, über die der Tagesspiegel im Februar 2003 berichtete. Diese Enthüllung löste eine juristische und ethische Debatte darüber aus, ob das Vorgehen des Polizeivize zulässig sei. Während Juristen überwiegend auf die Gesetzeslage verwiesen – Folter und ihre Androhung sind in Deutschland eindeutig und ohne Ausnahme verboten – stellten Ethiker den Abwägungskonflikt in den Vordergrund, in dem sich Daschner befand. Er hatte zu entscheiden, ob das Folterverbot schwerer wiegt, oder die Chance, das Leben des entführten Jungen zu retten. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt leitete ein Ermittlungsverfahren gegen Daschner ein. Dieses dauert seit über einem Jahr an. Magnus Gäfgen wurde am 28. Juli 2003, zehn Monate nach seiner Tat, wegen Entführung und Ermordung Jakob von Metzlers zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht erkannte eine besondere Schwere der Schuld. os

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