Mit Sprengkraft : Bombenalarm im Kanzleramt: Die Spur führt nach Athen

Innenminister Thomas de Maizière bestätigt einen Zusammenhang zwischen der im Kanzleramt gefundenen Paketbombe und denen in Griechenland.

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In Athen nahm die Polizei zwei verdächtige Männer fest. Foto: Simela Pantzartzi/dpaWeitere Bilder anzeigen
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02.11.2010 16:26In Athen nahm die Polizei zwei verdächtige Männer fest. Foto: Simela Pantzartzi/dpa

Was genau ist in Athen passiert?

Mehrere Sprengstoffpakete wurden am Dienstag in Athen entdeckt. Explodiert sind sie in der Schweizer und der russischen Botschaft. Verletzt wurde in beiden Fällen niemand. Ein für die deutsche Botschaft bestimmtes Bombenpaket konnte rechtzeitig von Polizeiexperten entschärft werden. Bedienstete der Botschaft hatten die Annahme der Sendung verweigert, weil sie keinen Absender trug. Der Kurierdienst benachrichtigte die Polizei, die das Paket durch eine gezielte Detonation unschädlich machte.

Der Sprengsatz gegen die Schweizer Botschaft wurde offenbar am Morgen per Post oder Kurier zugestellt. Als Botschaftsbedienstete das Paket überprüfen wollten und die äußere Verpackung öffnete, habe es eine Stichflamme gegeben, erklärte ein Sprecher des Schweizer Außenministeriums. Kurze Zeit zuvor hatten Angestellte der bulgarischen Botschaft ein verdächtiges Päckchen entdeckt, das ebenfalls mit Sprengstoff präpariert war. Experten der Polizei konnten die Bombe entschärfen. Ein weiteres Sprengstoffpaket, das an die chilenische Botschaft in Athen adressiert war, wurde in einem Lieferwagen eines Kurierdienstes in der Nähe des griechischen Parlaments entschärft – der Fahrer hatte Verdacht geschöpft und die Polizei gerufen. Eine weitere verdächtige Sendung wurde am Militärflughafen von Eleusis bei Athen gefunden.

Am Montag war in der Geschäftsstelle eines Kurierdienstes im Athener Stadtteil Pangrati eine kurz zuvor abgegebene Briefbombe explodiert. Dabei wurde eine Angestellte leicht verletzt. Die Briefe waren an den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy sowie die Botschaften der Niederlande, Belgiens und Mexikos in Athen adressiert.

Was weiß man über die Hintermänner?

Die Polizei konnte zwei junge Männer festnehmen, bei denen zwei weitere Sprengstoffbriefe, Pistolen, eine schusssichere Weste und eine Perücke gefunden wurden. Einer der beiden Männer wurde wegen Mitgliedschaft in der linksradikalen Terrorgruppe „Verschwörung der Feuerzellen“ bereits mit Haftbefehl gesucht. Das griechische Außenministerium appellierte an die ausländischen Botschaften in Athen, ihre Sicherheitsvorkehrungen zu verstärken.

Welchen Hintergrund haben die Anschläge?

Die griechische Polizei sieht keinen Zusammenhang zu den jüngst in Frachtflugzeugen gefundenen Paketbomben, die offenbar vom Terrornetzwerk Al Kaida stammen. Auch die an Angela Merkel adressierte explosive Sendung soll keinen islamistischen Hintergrund haben.

Eine Radikalisierung der linken Szene in Griechenland hat es seit den schweren Krawallen vom Dezember 2008, die durch den Todesschuss eines Polizisten auf einen 15-jährigen Schüler ausgelöst wurden, gegeben. Damit erhärtet sich der Verdacht, dass in Athen die schweren Unruhen vom Dezember 2008 immer noch nachwirken. Die damalige konservative Regierung stand den Ausschreitungen völlig hilflos gegenüber. Aus heutiger Sicht ein folgenschweres Versagen der Politik. Aus dem Reservoir der vermummten Demonstranten, die damals ungehindert das Athener Stadtzentrum nächtelang immer aufs Neue verwüsteten, sind offenbar jene Terrorzirkel hervorgegangen, die jetzt mit Sprengstoff hantieren.

Wie gefährlich sind die Bomben?

Bei den jüngsten Anschlagsversuchen ist nicht viel passiert. Vor allem gab es keine Personenschäden. Unklar ist, ob die Sprengsätze nicht töten sollten oder ob sie nur stümperhaft zusammengebastelt wurden. Schwarzpulver, das sich laut Sicherheitskreisen in den Bomben befunden haben soll, hat eine relativ geringe Sprengkraft. Verwendet wird es hauptsächlich in Pyrotechnik. Chinesen sollen es vor über 1000 Jahren erfunden haben. Es war über Jahrhunderte Hauptbestandteil von Kanonengeschossen. Durch die Entdeckung der explosiven Wirkung von TNT und Nitroglycerin wurde das Schwarzpulver nach und nach verdrängt.

Harmlos ist es allerdings nicht. Auch das zeigte die griechische Anschlagsserie. Im Juni gelang es Attentätern, einen Sprengstoffbrief ins Vorzimmer des damaligen Polizeiministers Michalis Chrysochoidis zu schmuggeln. Beim Öffnen der Sendung wurde der Adjutant des Ministers getötet. Im März war ein 15-jähriger afghanischer Migrant ums Leben gekommen, als er auf der Suche nach verwertbaren Abfällen eine in einem Müllcontainer deponierte Bombe auslöste.

Welche Briefbombenanschläge gab es in der Geschichte bereits?

Die griechischen Paketbomben erinnern auffällig an eine Serie von Anschlägen, für die Ende 2003 und Anfang 2004 eine Gruppe italienischer Linksextremisten verantwortlich war. Die „Federazione Anarchica Informale (FAI)“ verschickte Briefbomben an Politiker, unter anderem an den CDU-Politiker Hans-Gert Pöttering, damals Vorsitzender der EVP-Fraktion im Europaparlament, sowie an den damaligen Präsidenten der EU-Kommission, Romano Prodi. Er überstand im Dezember 2003 die Öffnung einer Briefbombe unverletzt wie auch die Explosion zweier Rohrbomben vor seinem Haus. Ziele des FAI-Terrors waren auch Büros von Europol (Europäische Polizeibehörde) und Eurojust (Europäische Justizbehörde) in Den Haag. Europol wollten jetzt auch die griechischen Linksextremisten mit einer Briefbombe attackieren.

Die italienischen FAI-Anarchisten sind offenbar weiter aktiv. Im März 2010 fing eine Briefbombe in einem Mailänder Postamt Feuer. In einem Begleitschreiben wurde der italienische Innenminister Roberto Maroni (Lega Nord) beschimpft.

Die erste weltweit dokumentierte Briefbombe detonierte am 19. August 1904 im Büro des Direktors der schwedischen Zentrifuggesellschaft, Karl Fredrik Lundin, in Stockholm. Er erlitt schwere Verbrennungen, die Explosion löste ein Großfeuer und Panik aus. Die Bombe war ein Holzkasten, bestückt mit Revolverpatronen. Es folgten weitere Anschläge. So auch mittels Schwarzpulver in einem Parfumflacon. Jedesmal erlitten die Opfer schwere Verletzungen. Die Suche nach dem Täter dauerte Jahre. Ein emsiger schwedischer Detektiv kam dann auf die Spur von Martin Ekenberg, einem Schweden, der in Deutschland promoviert hatte und in England lebte. Alle Indizien sprachen gegen ihn, verurteilt wurde er aber nie.

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