Mode und Religion : Political Hair, heiliges Haar

Kopftuch, Kahlscheren, Hippielook: Wie Frauen auf dem Kopf aussehen, hat Männer schon immer sehr beschäftigt - und es ging dabei stets um mehr als die Frisur. Eine Kolumne

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Haare, jedenfalls die von Frauen und die Frage, wer sie sehen darf, sind ein elektrisierendes Thema.
Haare, jedenfalls die von Frauen und die Frage, wer sie sehen darf, sind ein elektrisierendes Thema.Foto:Ralf Hirschberger dpa

Als das Musical „Hair“ im April 1968 auf dem Broadway Premiere feierte, spielte das Haupthaar junger Männer eine Haupt-Rolle. „Give me a head with hair, long beautiful hair“, sang der Held, ein New Yorker Bohemien, der zur Zeit des Vietnamkriegs den Militärdienst verweigert. „My hair like Jesus wore it, Halleluja I adore it“, schleudert der Hippie dem Establishment entgegen, klagend fragt er: „Halleluja, Mary loved her son, why don't my mother love me?“

Undomestizierte Haarpracht, das ganze Gegenteil zum soldatischen Bürstenschnitt, signalisierte Widerstand. Es ging um Pazifismus, tabufreie Liebe, um Protest gegen Rassismus und Militarismus. Zum Ärger der Älteren liefen „die Langhaarigen“ herum „wie Mädchen“ oder wie ungepflegte „Gammler“. In den Familien wurde um jeden Zentimeter Haarkürzung gekämpft. Langes Männerhaar war Glaubenssache, der „Hair“-Hinweis auf Jesus kam nicht von ungefähr; ein Hippie durfte sich als Heiliger geben: Heilig war die Individualität, das Nichtkonforme, der Ausbruch.

Also begann eine Etappe der Emanzipation der Männer mit dem wilden Wachsenlassen des Haupthaars. Bei den Frauen hatte äußerlich eine Etappe um 1920 mit dem zunächst skandalösen „Bubikopf“ oder „Bob“ begonnen, der quasi erklärte: Wir dürfen uns so praktisch und patent frisieren wie Jungs – und so, wie wir selber es wollen. Einstweilen in die Geschichte geschickt worden war das romantisch-laszive Bild der Frau, die müßig vor dem Spiegel sitzend ihr Haar kämmt, wie auf Gemälden von Renoir oder Degas.

Das Jüdische Museum Berlin dazu eine Ausstellung: „Cherchez la femme“

Das Haar, Kopf und Gesicht umrahmend, kann Zeichen sein der Individualität, der Kraft, Macht und Potenz einer Person. Daher gehörte das Kahlscheren schon in der Antike zu Strafritualen. Sie dienten der Entwürdigung, der Entpersönlichung und bei Frauen der Negation ihrer Weiblichkeit.

Ambivalent geht die kulturelle, meist religiös konnotierte Praxis des Haarverhüllens mit der Haar- Macht von Individuen um: Das Haar ist noch da, aber es wird nicht oder nur im – wörtlichen – Ansatz gezeigt. Diesem Phänomen des Verhüllens widmet das Jüdische Museum Berlin derzeit eine Ausstellung: „Cherchez la femme“ (bis 2. Juli zu sehen).

Berührend und anrührend sind viele der Objekte, Fotografien und Werke, am beeindruckendsten die Videoinstallation der türkischen Künstlerin Nilbar Güres. Den Kopf komplett eingehüllt in Dutzende Tücher – die der Tante, Mutter, Schwägerin und so fort – enthüllt sich die Künstlerin Schicht um Schicht, um schließlich lächelnd mit offenem Haar sich selbst zu zeigen, befreit aus dem textilen Versteck.

Gezeigt wird, was die irdischen Vertreter von Gott, Jahwe oder Allah jeweils verlangen, um betrachtenden Männern die Keuschheit oder Reinheit des Weibes im öffentlichen Raum zu melden: Nonnen im Ornat, jüdisch-orthodoxe Frauen mit Perücken, die das eigene Haar bedecken, muslimische Varianten der Verhüllung wie Hijab, Niqab, Tschador und Burka.

Den lüsternen Blicken von Männern entrissen - normal?

All das allerdings steht seltsam ethnografisch neutral beieinander, mehr Inventarisierung denn Positionierung, was der Ausstellung etwas ängstlich Beschwichtigendes verleiht. Muslimische Mädchen und Jugendliche, die, etwa beim Klassenausflug, als Besucherinnen herkommen, können zwar Nilbar Güres’ subversives Ent-Hüllen betrachten. Generell aber wird mit der Mehrzahl der Exponate der erzwungene Konformismus verharmlost, wird in Sachen Schleier entwarnt. Dokumentiert wird unter anderem die heiter-anspielungsreiche Werbung einer christlichen Klinik, wo neben dem Porträtfoto einer Diakonisse mit Haube und Schleier zu lesen ist, hier am Ort habe man sich „schon immer“ verschleiert, alle seien willkommen. Hier seht ihr, Kinderchen, so lässt sich die Kernaussage der Schau lesen: Das Verhüllen des weiblichen Haars, um lüsternen Blicken von Männern zu entrinnen, ist so alt wie die Menschheit und irgendwie, eigentlich, im Grunde, im Prinzip ganz normal und schon okay.

Warum nicht? Warum sollte eine Ausstellung zum Thema der aus konfessionellen Gründen bedeckten Haare nicht so neutral und offen sein, auf dass Raum für Diskussion entstehe? Gut. Und lieb. Das gilt. Aber wo ist der Geist von „Hair“? Wo ist, in den Zeiten, da Mädchen auf den Schulhöfen und in den Familien dem Druck der konformen Verhüllung ausgesetzt sind, die politische Sprengkraft des Themas? Es gäbe genug her, um „Hair“ ganz aktuell neu zu erfinden – mit Mädchen in der Hauptrolle. Und diese explosive Dynamik, die fehlt.

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