Politik : Mörderischer Plan

Ein palästinensischer Extremist hat 2002 mehrmals versucht, Schimon Stein in Berlin töten zu lassen

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Von Charles A. Landsmann,

Tel Aviv

Der israelische Botschafter in Deutschland, Schimon Stein, war offenbar das Ziel mehrerer Attentatsversuche eines palästinensischen Top-Terroristen. Dies geht aus der Anklageschrift gegen einen Mann namens Alam Mahmud Koka hervor, die insgesamt 27 Anklagepunkte umfasst. Der Kommandant einer Terrorzelle der Al-Aksa-Brigaden steht seit dieser Woche vor einem israelischen Militärgericht in Samaria im besetzten Westjordanland. Die wichtigsten Anklagepunkte befassen sich allesamt mit Kokas Versuchen, im vergangenen Jahr Botschafter Stein in Berlin ermorden zu lassen.

Im August 2002 wandte sich Koka per Internet an eine in Deutschland lebende Libanesin und forderte sie auf, ihm Fotos der israelischen Botschaft in Berlin zukommen zu lassen. Doch Kokas Bekannte weigerte sich. Daraufhin forderte er Amad Akuba, Angehöriger einer auf terroristische Aktivitäten im Ausland spezialisierten Al-Aksa-Zelle, dazu auf, Stein zu ermorden. Akuba wandte sich daraufhin an seine Vorgesetzten. Und die befahlen, Kokas Wunsch nicht nachzukommen. Begründung: Ein solches Attentat würde der palästinensischen Sache eher schaden.

Koka entschloss sich danach offensichtlich, Hilfe bei den Extremisten des „Islamischen Dschihad“ zu suchen. Ein gewisser Mufid Marmash, an den er sich wandte, lehnte es aber ebenfalls ab, auf Israels Botschafter in Deutschland ein Attentat zu verüben.

Eine letzte abschlägige Antwort von einem Mitglied des Islamischen Dschihad bewog Koka schließlich kurz vor seiner Verhaftung, eine andere Zielperson zu wählen: Er wollte den israelischen Botschafter in China, Yitzchak Shalev, durch einen Terroristen der „Hisbollah“ umbringen lassen. Bevor er sich aber über Jordanien nach China begeben konnte, wurde er festgenommen.

Anschläge auf israelische Botschaften, Botschafter und Botschaftsangehörige sind in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder verübt worden, sowohl in Europa als auch in Lateinamerika. In Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires starben am 17. März 1992 mehr als 20 Menschen.

Das weitaus folgenreichste Attentat erfolgte 1982 in London gegen Botschafter Shlomo Argov, der von einem Terroristen der Gruppe um den berüchtigten Abu Nidal vor einem Hotel niedergeschossen wurde und seither schwerstbehindert ist. Der damalige Verteidigungsminister und heutige Regierungschef Ariel Scharon nutzte den Anschlag als Begründung für den Einmarsch israelischer Truppen in den Libanon. Das nördliche Nachbarland sollte von palästinensischen Terroristen „gesäubert“ werden – obwohl Abu Nidal selbst nicht im Libanon seinen Sitz hatte, sondern damals von Damaskus aus seine Mordbefehle erteilte.

Aus der nun bekannt gewordenen Anklageschrift geht weiter hervor, dass Koka nicht nur Anschläge gegen israelische Botschafter im Ausland plante. Zuvor schon hatte der Palästinenser mehrfach vergeblich versucht, Anschläge in Israel zu verüben. Im Oktober 2001 wollte er zum Beispiel einen Siedler entführen lassen. Einen Monat später wollte er ein Attentat auf einen Nachtklub in Jerusalem organisieren. Danach befasste er sich mit der Planung eines Anschlages auf ein Gaswerk. Noch im vergangenen September wollte er einen Bombenanschlag auf den Festsaal des „Hyatt Regency"-Hotels verüben.

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