Mohamed el Baradei : Advokat der Freiheit

Kultiviert, besonnen diplomatisch: Mohamed el Baradei, der Ex-Chef der Wiener Atomenergiebehörde, ist der Hoffnungsträger des neuen Ägypten.

von
Mohamed el Baradei.
Mohamed el Baradei.Foto: dpa

Vermutlich haben ihn die wenigsten gesehen, am vergangenen Sonntag. Sein Megafon half kaum, seine Botschaft weit über den vollen „Platz der Befreiung“ zu tragen. Aber er war da.

Mohamed el Baradei, 68 Jahre alt, verdienter Diplomat und Nobelpreisträger, ehemals Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde – und nun Hoffnungsträger der Oppositionsbewegung in Ägypten. Die nämlich hatte Baradei, der seit vielen Jahren in Wien lebt, schon in seiner Abwesenheit zur Galionsfigur erklärt.

Dabei könnte der Unterschied zwischen Baradei und dem Großteil der Demonstranten, arbeitslosen ägyptischen Jugendlichen, nicht größer sein. Am 17. Juni 1942 als eines von vier Kindern eines Rechtsanwaltes in Kairo geboren, wurde Baradei bestens ausgebildet und studierte in Kairo und New York. Der Diplomat, so heißt es, spielt Golf, wandert und liebt Opern.

Die Identifikation mit Baradei hat einen anderen Grund: Als erster Ägypter der Oberschicht sprach er sich gegen Hosni Mubarak aus – öffentlich. Und bereits im Dezember 2009, aus dem fernen Ausland, nannte er Bedingungen, unter denen er bereit sei, gegen den Präsidenten anzutreten.

Kultiviert, besonnen und immer den rechten Ton treffend. So präsentiert sich Mohamed el Baradei am liebsten. Auch wenn er jetzt über die Demonstranten in Ägypten spricht, wählt er wieder passende Worte: Seine Landsleute wollten „ein freies Ägypten, ein demokratisches Ägypten“.

Am Donnerstag war el Baradei in Ägypten eingetroffen. Kurz darauf jedoch hatte Mubaraks Regime den Rückkehrer vorläufig festsetzen lassen. Denn Mubarak fürchtet den Juristen und bestens vernetzten Diplomaten a. D. durchaus als gefährlichen Oppositionellen. Zumal selbst die Muslimbruderschaft, führend unter den Oppositionellen, dieser Tage erklärte, man wünsche sich, dass el Baradei die Führung im Land übernehmen solle – zumindest fürs Erste.

Dass el Baradei durchaus die Statur für eine politische Funktion hat, bewies er in den zwölf turbulenten Jahren von 1997 bis 2009 als Chef der Welt-Atompolizei in Wien. Aus der grauen Uno-Behörde IAEO formte Baradei eine anerkannte Institution im Kampf gegen die Weiterverbreitung von Atomwaffen. Immer wieder ermahnte er die offiziellen Atommächte, ihren Versprechungen über nukleare Abrüstung endlich Taten folgen zu lassen. „Solange einige Länder glauben, nukleare Waffen als Abschreckung nutzen zu müssen, werden andere Länder ihnen das nachmachen“, warnte er.

Sein Einsatz zahlte sich aus: Im Jahr 2005 erhielt er den Friedensnobelpreis. Das Nobelkomitee pries den Mann aus Kairo als „unerschrockenen Anwalt“ für eine Welt ohne Atomwaffen. El Baradei und seine Institution durften sich gleichberechtigt mit der Auszeichnung schmücken. In den Jubel platzten die Umweltschützer von Greenpeace mit harschen Kommentaren. Man sei „schockiert“ über die Verleihung, die IAEO fördere mit der Atomkraft eine hochriskante Energiequelle. Auch die Regierung des damaligen US-Präsidenten George W. Bush misstraute dem IAEO-Chef zutiefst. Schon im Vorfeld des US-Krieges im Irak hatte der Ägypter bezweifelt, dass dort Massenvernichtungswaffen zu finden seien. Und er behielt recht.

Auch im Streit um Irans Atomprogramm bestand el Baradei auf einer friedlichen Lösung. Zwar konnte der IAEO-Chef die „militärische Dimension“ des Teheraner Nuklearprojekts nicht ausschließen. Drohungen aus Washington, notfalls mit Gewalt gegen den Iran vorzugehen, verurteilte el Baradei aber scharf. „Bei einem Angriff auf den Iran trete ich zurück“, sagte er. Die Bush-Regierung versuchte daher 2004 und 2005, el Baradeis dritte Amtszeit als IAEO-Generaldirektor zu vereiteln. Ohne Erfolg.

Heute aber steht el Baradei bei den USA höher im Kurs. Auch Washington würde ihm eine führende Rolle in einem Ägypten nach Mubarak zutrauen.

Mitarbeit Katja Reimann

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar