Mon BERLIN : Über den Humor

Was die Franzosen zum Lachen bringt, schockiert die Deutschen und verletzt die Muslime. Den Humor der anderen muss man lernen wie eine Fremdsprache.

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Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Nichts umreißt die mentale Landschaft einer Nation so exakt wie ihr Humor. Die Engländer sind da bekanntlich die Virtuosen Europas. Kein Redner im House of Commons, kein Gratulant bei einer Geburtstagsparty, kein Wirt hinter dem Tresen seines Pubs, der seine Äußerungen nicht mit ein paar schönen Pointen spicken würde. Selbstironisch – der englische Humor ist sicherlich der ansteckendste von allen. Als ich, Studentin in London, zum ersten Mal zu einem Essen eingeladen wurde, lieferten die Gäste sich ein wahres Redematch. Die Bonmots flogen hin und her. Wie ein Zuschauer im Central Court in Wimbledon, der den Kopf dauernd hin und herdreht, versuchte ich am Ende der Tafel, die Witze im Flug zu fangen. Zu schnell, zu fremd … ich kam nicht mit. Und ging verwirrt und traurig nach Hause, ich fühlte mich ausgeschlossen, vom Platz gestellt. Erst nach einer Weile wurde ich mit dem englischen Humor vertraut, konnte die Nuancen genießen und auskosten. Wenn ich jetzt von London zurückkomme, fühle ich mich wie durchgespült. Drei Tage Tränen lachen. Was für eine Katharsis.

Darf man sich über alles lustig machen?

Der Berliner Humor ist direkt, trocken, für Fremde im ersten Moment schroff und irritierend. „Sollte ein Scherz sein!“, sagte mir die Fleischerin nach meiner Ankunft in Berlin. Sie hatte mir einen Witz zugerufen, den ich absolut nicht verstanden hatte. Ich hatte sie konsterniert angesehen. Heute kann ich darüber lachen und sogar darauf reagieren. Wenn ich nach einer Reise nach München oder Dresden wieder in Berlin bin, höre ich mit Erleichterung die Berliner Schnauze. Ich bin zu Hause.

Den Humor der anderen muss man lernen wie eine Fremdsprache. Zuerst liest man ihn stockend. Allmählich erkennt man die Umrisse. Was die Franzosen zum Lachen bringt, schockiert die Deutschen und verletzt die Muslime. Aber was ist der französische Humor überhaupt? Seit einer Woche gehen die Meinungen auseinander: Sind die Karikaturen in „Charlie Hebdo“ zum Lachen? Darf man sich über alles lustig machen, darf man den Propheten nackt auf einem Bett ausgestreckt zeigen, den Papst inkontinent, die Jungfrau Maria bei der Entbindung, Präsident Hollande mit schlaffem Penis, der aus dem Hosenschlitz herausschaut, vor der Trikolore, dazu die Überschrift: „Ich Präsident!“? Der französische Humor ist anarchistisch und schwarz, provozierend, manchmal sehr hart und meistens sexuell gefärbt. Eine Woche mit all den Zeichnungen von Cabu und Wolinski hat mich daran erinnert, dass ich in dieser mentalen Landschaft aufgewachsen bin.

In meiner vorigen Glosse habe ich Cabu und Wolinski mit Loriot verglichen. Nicht wegen ihres völlig unterschiedlichen Stils, sondern wegen ihrer Bekanntheit, wegen ihrer Bedeutung für das kulturelle Erbe ihres Landes. „Herr von Bülow“, schrieb ein wütender Leser im Internet, „hatte Anstand.“ Mir blieb vor Schreck fast das Herz stehen, wie Sie sich denken können. Zunächst der Name mit dem Adelsprädikat, der eine Überlegenheit in Klasse und Ursprung markiert. Wie mickrig wirkt das kleine Pseudonym Cabu neben dem soignierten Herrn von Bülow. Nicht einmal Monsieur Jean Cabu kann Herrn von Bülow das Wasser reichen! Nicht einmal ein Doktortitel, um das Gesicht zu wahren! Und dann das steife Wort „Anstand“. Wie will man Humor ausstrahlen, wenn man in dem starren Korsett des Anstands eingezwängt ist? Ich glaube, dass Loriot sich im Grab umdrehen würde, wenn er hören könnte, wie man seinen Anstand preist.

Die Karikaturisten von Charlie sind die Erben von Rabelais

Ich vermute, dass der Leser sich nicht nur auf die Satire gegen die Religionen und ihre Dogmen bezieht, sondern auch auf die sexuelle Obsession der französischen Karikaturisten. Eine ganze Reihe Worte gibt diese sehr französische Tradition des schlüpfrigen Spottes wieder. Hier sind sie, durcheinander und auf Französisch, denn man kann sie nicht übersetzen: la grivoiserie, la gaillardise, la paillardise, la polissonnerie, la gaudriole, la gravelure und sogar … – und das zeigt sehr gut, wie sehr diese Art von Humor zur französischen Seele gehört – la gauloiserie. Etwas, das weit über einen platten dreckigen Witz hinausgeht. Die Tradition geht auf die erotische Dichtung des Mittelalters zurück. Das Fleisch, die Rüpelei sollten dem Ideal der höfischen Liebe, l’amour courtois, entgegengestellt werden. Die Karikaturisten von Charlie sind die Erben von Rabelais.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie verstört ein Engländer, ein Deutscher und erst recht ein Muslim reagieren, wenn sie bei Franzosen zum Essen eingeladen sind. Das Erstaunen oder die Kränkung, wenn das Gespräch spätestens beim Käse plötzlich die Gürtellinie unterschreitet. Und das geschieht, wie ich Ihnen versichern kann, auch in den intellektuellsten Pariser Milieus. Jedem sein eigener Humor. Ich verstehe gut, dass die derben Zeichnungen von „Charlie Hebdo“ Menschen beleidigen oder sogar empören, die nicht damit aufgewachsen sind. Aber wo beginnt der schlechte Geschmack? Die Provokation? Ich wehre mich gegen diejenigen, die glauben, eine universelle Antwort auf diese Fragen zu haben.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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