Moscheen in Deutschland : Der fatale Generalverdacht

In der Islamismus-Diskussion geraten auch fortschrittliche Moscheen unter Verdacht. Wem am Zusammenhalt der Gesellschaft liegt, muss dagegen ankämpfen. Ein Kommentar.

Constantin Schreiber (rechts) bei seinen Recherchen in deutschen Moscheen
Constantin Schreiber (rechts) bei seinen Recherchen in deutschen MoscheenFoto: ARD

Szene aus einer Neuköllner Moschee: In der auf Arabisch gehaltenen Predigt geht es um die lange und oft blutige Geschichte der Beziehungen zwischen Orient und Okzident, um die Eroberungen der einen und Kriege der anderen. Der Imam kommt zur Gegenwart: Hunderttausende Türken hätten nach dem Krieg mitgeholfen, Deutschland aufzubauen. Heute könnten sie hier ihre Religion leben, die Frauen sich kleiden wie sie wollten, und anders als in seiner nordafrikanischen Heimat dürfe man in Deutschland seine Meinung frei äußern. „Was wollt ihr mehr?“ ruft der Prediger den Gläubigen zu.

Ja, was will man mehr als so ein Bekenntnis zum bürgerlichen Miteinander? Im Fernsehen freilich, das diese Szene kürzlich sendete, ging es um etwas anderes. Dem Publikum klarzumachen, dass es nicht gesehen und gehört hatte, was in Wirklichkeit zu sehen und zu hören war.

Rund um die falsche Übersetzung des Wortes „Türken“ mit „Soldaten“ – das in diesem Zusammenhang auch nicht skandalös wäre – stellt der Autor des Beitrags in der nachfolgenden Diskussion einen Gewaltverdacht in den Raum und verhandelt das, was nicht zu sehen und zu hören war, als die eigentliche Wahrheit über die Moschee: Predigten, die er zuvor oder später gehört hat oder ohne Kameras hat anhören lassen und die angeblich eine andere Sprache sprachen. Sogar die Stimme des Predigers – „es war unglaublich laut“ – wird zum Thema, um den Verdacht zu befestigen: Hier sind Feinde der offenen Gesellschaft am Werke, die sich auch noch geschickt verstellen.

Der "Moscheereport" ist ein lehrreiches Beispiel für die Unkultur des Verdachts

Es kann hier nicht darum gehen, Journalisten an den Pranger zu stellen: Für die falsche Übersetzung hat sich der Autor entschuldigt und wer wäre ohne Fehler. Der ARD-Beitrag „Moscheereport“ ist aber ein lehrreiches Beispiel dafür, wie eine Unkultur des Verdachts funktioniert, die seit Jahren bevorzugt Muslime trifft.

Es wird gehört und nicht geglaubt, die vermutete heimliche Agenda erscheint wirklicher als die Wirklichkeit und der übermächtige Rahmen „Hier sehen Sie ein Stück aus einer andern Welt“ erdrückt irgendwann die Wahrnehmung selbst des harmlosesten Bildes. Den Schaden haben ausgerechnet die, die ihre Türen weit für die nichtmuslimische Gesellschaft öffnen: Die Dar-as-Salam-Moschee in Berlin-Neukölln, um die es hier ging, hatte schon schwule Führungskräfte zu Gast, die Gemeinde wird von Frauen und Männern geführt, ihr Vorsteher wurde mit dem Berliner Verdienstorden ausgezeichnet.

Es gibt gute Gründe, gegen sogenannte Hinterhofmoscheen wie die Fussilet-Moschee in Berlin-Moabit vorzugehen, die oft private Gebetsstuben sind und in denen Leute wie der Attentäter vom Breitscheidplatz geliefert bekommen, was sie wollen: eine höhere religiöse Weihe für ihren Hass. Um da aktiv zu werden, reichen Straf- und Polizeirecht gut aus.

Die Botschaft ist perfide

Die Botschaft aber, die von Verdachtsdebatten gegen offene Gemeinden und Imame ausgeht, ist perfide, weil sie sie sogar zu den eigentlich Gefährlichen macht. Sie lautet: Schlimmer als die, die im Hinterhof wenigstens offen reden, sind diejenigen, die den Rabbi und die Pfarrerin von nebenan zum Fastenbrechen nur einladen, um kein Aufsehen zu erregen, während sie die „Islamisierung des Abendlands“ betreiben.

Diese Verdächtigung ist nicht nur fahrlässig, sie wirkt auch verheerend, denn sie bringt ausgerechnet die Gutwilligen unter doppelten Druck: Nichtmuslimische Partner ziehen sich zurück, die Reaktionäre in den eigenen Reihen bekommen Wasser auf ihre Mühlen: Seht ihr, man hasst uns Muslime, ihr strengt euch umsonst an.

Diesen Effekt mögen Islamhasser gut finden. Wem aber etwas am Zusammenhalt einer vielfältigen Gesellschaft liegt, der muss die Unkultur des Verdachts bekämpfen.

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