Politik : Moskau entrüstet über deutsche "TV-Fälschung"

Elke Windisch

Russischer Privatsender strahlt Fernsehdokument über Massengräber und Folter in Tschetschenien ausElke Windisch

Bei der Nachrichtensprecherin des russischen TV-Privatsenders NTW lagen die Nerven blank, als sie am Freitagmittag neue Dokumentarbilder aus Tschetschenien ankündigen musste. Aus gutem Grund: Bei dem Material handelte es sich nicht um die übliche Staatspropaganda über die Heldentaten der russischen Armee, sondern um das genaue Gegenteil. Die Zuschauer sahen Fragmente einer Reportage, die der deutsche Kabelsender N 24 am 22. Februar in Tschetschenien gedreht hatte. Zu sehen waren tote Tschetschenen in Tarnkleidung, die an ein Abschleppseil gekettet waren und mit einem Laster in ein Massengrab gekippt wurden. Viele waren mit Stacheldraht gefesselt, bei einigen Leichen waren die Ohren abgeschnitten. Diese Bilder, so der Kommentar der russischen Nachrichtensprecherin "sollen die öffentliche Meinung beeinflussen" und Moskau gegenüber dem EU-Kommissar für Menschenrechte, Alvaro Gile-Robles "diskreditieren". Robles hatte zuvor mit Russlands Außenminister Igor Iwanow die Lage in Tschetschnien erörtert und darauf gedrängt, ihm einen Besuch in in der Kaukasusrepublik zu ermöglichen. Er will vor allem das berüchtigte Internierungslager in Tschernokosowo besuchen.

In der ausgestrahlten deutschen Fernsehreportage hieß es, viele Tote seien auch in Tschernokosowo gefunden worden - gefoltert und dann erschossen. Das staatliche russische Fernsehen bezeichnete die Darstellung als "frei erfunden". Bluff, Fälschung und "Mist" nannte auch der Pressechef des russischen Inlandgeheimdienstes FSB, Alexander Sdanowitsch, die Fernsehbilder. Der Leiter der Informationsabteilung im russischen Innenministerium, Oleg Aksjonow, sprach sogar von einem "eindeutigen politischen Auftrag".

Vertreter der nordkaukasischen Militärstaatsanwaltschaft erklärten, schon in den nächsten Tagen werden man die Authentizität der Fernsehbilder überprüfen. Ihrer Auffassung nach habe der deutsche Reporter lediglich "die Beisetzung von Separatisten gedreht, die russische Truppen auf dem Schlachtfeld eingesammelt haben". Wenn es sich wirklich um Erschießungen handele, sei "völlig unverständlich, wieso ein Ausländer dabei zugelassen wurde". Dem ist wirklich so. Ausländische Journalisten werden in Tschetschenien von Moskau massiv behindert. Wahrscheinlich entstanden die Aufnahmen in der Tat, als das Massengrab ausgehoben wurde, den Russen waren aber offenbar die Spuren von Folterungen an den Leichen entgangen.

Der Berater von Staatschef Wladimir Putin, Sergej Jastrschembski, forderte indes eine gründliche Untersuchung des Vorgangs, bei der vor allem geklärt werden müsse, wie die Tschetschenen zu Tode kamen. Möglicherweise wird sich auch die Duma mit dem Thema beschäftigen. Der Vorsitzende des Sicherheitsausschusses, Alexander Gurow, zweifelte an der Darstellung des deutschen Kabelsenders, sagte jedoch, Bilder wie diese müssten sorgfältig analysiert werden.

Unabhängige russische und ausländische Journalisten hatten wiederholt über Folterungen und Erschießungen in den Intenierungslagern informiert. Auch die US-Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtete nach Interviews mit ehemaligen Lagerhäftlingen über Folterungen. Moskau bestreitet einschlägige Vorwürfe.

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