Politik : Moskau fühlt sich von Milosevic hintergangen

ELKE WINDISCH

MOSKAU ."Eine der schwierigsten Missionen, die sowjetische und russische Politiker seit Ende des Zweiten Weltkriegs zu erfüllen haben" - so charakterisieren Beamte, die Viktor Tschernomyrdin beim Treffen mit US-Präsident Bill Clinton begleiten, die neue Mission des Jugoslawien-Sonderbotschafters.Die Ausgangssituation für Tschernomyrdin hat sich geändert, wie er unmißverständlich zu verstehen gab: Er werde in den USA allein die Interessen Rußlands vertreten, sagte er unmittelbar vor seinem Abflug am Montag.

Grund für den Sinneswandel ist der für Moskau unerwartete Alleingang Milosevics, der Jesse Jackson eine persönliche Botschaft an Clinton übergab.Deren Inhalt war den Russen nicht bekannt; die Sache war nicht abgestimmt.Moskau wittert daher Unrat.Der unberechenbare Milosevic, so hieß es am Sonntagabend im beliebten TV-Magazin "Itogi", habe in der Vergangenheit mehr als einmal versucht, Moskau zunächst jugoslawische Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen, um kurz vor dem erfolgreichen Abschluß russischer Vermittlungsbemühungen die Kreml-Emissäre mit einer Statistenrolle abzuspeisen.

Einen außenpolitischen Flop aber können sich momentan weder der innenpolitisch hart bedrängte Jelzin noch Tschernomyrdin leisten.Dem Präsidenten droht Mitte Mai das Amtsenthebungsverfahren in der Duma, Tschernomyrdin will bei den Präsidentschaftswahlen im Sommer 2000 kandidieren und weiß, daß seine politische Zukunft mit erfolgreichen Vermittlungsbemühungen in der Kosovo-Krise steht und fällt.

Derart unter doppeltem Zeitdruck, muß Moskau seinen bisherigen maximalistischen Forderungskatalog zurückschrauben, ohne dabei das Gesicht zu verlieren.Tschernomyrdin dürfte daher zwar am UN-Mandat für das internationale Friedenskontingent eisern festhalten, bei der Präsenz von Einheiten aus NATO-Ländern dürfte Rußland jedoch zu erheblichen Zugeständnissen bereit sein.Wenn notwendig, auch ohne Einverständnis Belgrads, das nach wie vor nur zivile Beobachter akzeptieren will.Nicht zuletzt, weil sich auch bei russischen Politikern und Militärs zunehmend die Einsicht durchsetzt, daß nicht nur unbewaffnete OSZE-Beobachter, sondern auch Blauhelme mit der Absicherung der Flüchtlingsrückkehr hoffnungslos überfordert wären.Die Entwicklungen in der Krisenregion haben deutlich gemacht, daß dort kampffähige, schwer bewaffnete Einheiten gebraucht werden, die im Bedarfsfall sowohl serbische Milizen als auch die UCK in Schach halten können.

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