Muslim in der CSU : Treu und Glauben

"Das wird schwierig", hatte ihn ein Freund gewarnt. Aber Mehmet Sapmaz wollte zur CSU. Politisch sei er ein Konservativer, sagt er. Nun streitet der gläubige Muslim in der Partei gegen Vorurteile. Allein.

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Als Mehmet Sapmaz nach Deutschland kam, war er sieben Jahre alt. Bei Bildung kennt er heute „keine Gnade“, seine Kinder gehen aufs Gymnasium.
Als Mehmet Sapmaz nach Deutschland kam, war er sieben Jahre alt. Bei Bildung kennt er heute „keine Gnade“, seine Kinder gehen aufs...Foto: Guyton

Es schellt an der Tür, die Freiwillige Feuerwehr von Tennenlohe, einem Ortsteil von Erlangen, ist da. Mehmet Sapmaz will Mitglied werden, die Feuerwehrmänner bringen ihm die Unterlagen. „Das muss man schon machen“, sagt er. Mehmet Sapmaz ist Stadtrat.

Was er nicht machen musste, war, am 24. Dezember in die Hugenottenkirche zu gehen, sich in eine Bankreihe des berühmten Gotteshauses aus dem 17. Jahrhundert zu zwängen und abzuwarten. Zu warten, dass Pfarrer Johannes Mann an diesem Heiligabend fertig gesungen, gepredigt, gebetet hatte und ihm, Sapmaz, einem schlanken Mann mit schwarzem Haar, das Wort erteilte. „Wir Muslime von Erlangen wünschen den Christen ein schönes Weihnachtsfest“, sagte er. Und weiter: „Terroristen sind keine Muslime. Und Muslime sind keine Terroristen.“ Spontan klatschten die Menschen in der Kirche. Das grenzte an einen Kulturbruch – Beifall im Gotteshaus und an Heiligabend, Beifall für einen Muslim, für Mehmet Sapmaz.

Der 40-jährige Mann türkischer Herkunft ist Muslim – und CSU-Mitglied. Für die Christsozialen sitzt er im Stadtparlament; soviel er weiß, ist er der einzige Amtsträger überhaupt in der auf ihre christlichen Werte so stolzen Partei, der an Allah glaubt.

Ein Familienidyll, ein bürgerliches. In der Einfahrt steht ein geräumiger Mittelklassewagen. Mehmet Sapmaz lebt hier im Erlanger Teilort Tennenlohe mit Frau Fatma, mit dem zwölfjährigen Sohn Ali und Tochter Burza, 16 Jahre, in einer Doppelhaushälfte, gekauft, nicht gemietet. Drinnen zieht man die Schuhe aus, Fatma Sapmaz reicht Pantoffeln, später Tee und süßes Blätterteiggebäck. Der Laptop liegt aufgeklappt auf dem Sofa. Auch wenn Mehmet Sapmaz einen freien Tag hat, will er informiert sein.

Erreichbar ist er ohnehin. Das Handy klingelt, und CSU-Oberbürgermeister Siegfried Balleis ist dran, sie duzen sich. Es geht um Fraktionsarbeit, Erlanger Kommunalpolitik. Sapmaz ist Mitglied im Schulausschuss, im Bauausschuss und befasst sich etwa mit dem Entwässerungsbetrieb der Stadt. „Da ist Sachverstand gefordert“, sagt der studierte Betriebswirt, der mit Zahlen kühl umzugehen weiß. Auf seinem Schreibtisch geht es nicht um die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht.

„Am Anfang haben mich viele gewarnt: ,Die werden dich manipulieren‘“, erinnert sich Sapmaz. Dass er ausgerechnet bei der CSU seine politische Heimat gefunden hat, begründet er so: „Politisch bin ich konservativ. Familie und Traditionen sind mir wichtig. Und ich denke, dass die Schwarzen trotz mancher Skandale besser mit Geld umgehen können als die Roten.“ Da spricht auch der Finanzmann, der er für Siemens ist. Seine Aufgabe dort ist es, bei den Auslandsgeschäften des Konzerns die Währungsrisiken mit Devisengeschäften abzusichern.

Doch gibt es noch einen weiteren Mehmet Sapmaz. Der trifft sich einmal in der Woche mit Bekannten im Türkisch-Islamischen Kulturverein. So auch an diesem Abend. Die Moschee ist den Gemeinschaftsräumen angeschlossen, immer wieder gehen Männer barfuß ein und aus. Darunter Sapmaz’ Freund Ruhi Teksifer, ein 75-jähriger Mann mit mächtigem Schnauzbart. „Ich bin schon immer Sozialdemokrat“, sagt der. Zehn Jahre lang saß er für die SPD im Stadtrat. „Du willst in die CSU?“, fragte er Mehmet Sapmaz damals, vor sechs Jahren, als dieser seine Meinung hören wollte. „Das wird schwierig.“ Dennoch riet er ihm zu. „Lieber bei der CSU als gar nicht politisch aktiv.“

Zuvor war der Erlanger Oberbürgermeister Siegfried Balleis auf Sapmaz aufmerksam geworden. Der hatte beim Förderverein für die Städtepartnerschaft zwischen Erlangen und dem Istanbuler Teilort Besiktas die Kasse verwaltet. Stille Arbeit eines türkischstämmigen Deutschen, der mit dabei sein will, das gefiel Balleis. „Ich habe ihn gefragt, ob er sich vorstellen könnte, in der CSU mitzuarbeiten“, erinnert sich der Politiker, „ich würde mir das sehr wünschen“. Die CSU sei schließlich eine Volkspartei und die Migranten stellen einen wichtigen Teil der Gesellschaft. Einige Monate später hakte der Oberbürgermeister nach – er habe noch keine Antwort bekommen. Da ist Mehmet Sapmaz eingetreten. Seine Bedingung: „Ich will nicht der Quotentürke sein.“

Seither hören die Fragen nicht auf.

Wie kann man als gläubiger Muslim in einer ausdrücklich „christlichen“ Partei mitarbeiten? Seine Frau kennt, was nun folgen wird. Eben noch hat sie auf der Couch über den Integrationsunterricht für türkische Vorschulkinder erzählt, den sie hält, nun grinst sie, schüttelt die Hand leicht abwehrend, verlässt den Raum. Und Sapmaz sagt: „Theologisch ist das für mich überhaupt kein Problem.“ Judentum, Christentum und der Islam als jüngster der drei Religionen basierten auf denselben Wurzeln. Doch auch er räumt ein, es gebe „engstirnige Parteimitglieder“, die glaubten, dass Muslime bei der CSU nichts verloren hätten. „Die sind für mich jedoch kein Maßstab.“

Und in Erlangen hat ihm das auch noch keiner vorgeworfen. Die CSU in Franken gilt als offener, liberaler. Mit Oberbayern könne man das nicht vergleichen, sagen viele Christsoziale aus der Gegend. Die Oberbayern-CSU – sie steht hier fast als ein Feindbild. Stramm konservativ, erzkatholisch, verstockt und auch borniert.

Deshalb hat Mehmet Sapmaz begonnen, sich innerhalb der Partei zu wehren. Dass es für CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich nirgends einen historischen Beleg für die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland gibt, verstört ihn. „Warum muss das sein? Seit einigen Jahrzehnten ist der Islam Teil Deutschlands geworden.“ Und dass Parteichef Horst Seehofer Deutschkenntnisse in der Verfassung verankern lassen will, geht für Sapmaz am Problem vorbei. „Es ist sehr verletzend, was Horst Seehofer über Muslime und Zuwanderer sagt, das stört mich, es ist unmöglich.“

Schon zuvor hatte Seehofer speziell muslimische Zuwanderung schroff abgelehnt und immer wieder auf eine „deutsche Leitkultur“ gepocht. Dem „sehr geehrten Herrn Ministerpräsident“ hat Mehmet Sapmaz daraufhin einen Brief geschrieben. Darin wirft er ihm eine „bewusst vereinfachende populistische Debatte“ vor. Seehofer habe „unsere wertvolle Arbeit auf der kommunalen Ebene zunichte gemacht“. Er, Sapmaz, Parteimitglied und Stadtrat, sei „nicht bereit, ständig für den kleinen Anteil von Integrationsverweigerern die Verunglimpfungen von allen Muslimen mitzutragen“. Und er fragte: „Was ist denn die beschworene deutsche Leitkultur? Ist das Dirndl, Schweinsbraten und eine Maß Bier?“

Er führt den Streit allein. Unter der Hand hat ihm mancher Christsoziale zugestimmt. Offen stellt sich aber keiner hin.

Ein Blick zurück: In den frühen 70er Jahren war das Ehepaar Burak und Hatice Sapmaz von Hacibektas in der Zentraltürkei nach Weiden in der Oberpfalz gekommen. Sie arbeiteten in der Porzellanmanufaktur Seltmann, 1977 holte das Ehepaar die Kinder nach, Mehmet war da bereits sieben Jahre alt. „Um als türkisches Kind eine Chance zu haben, braucht man Eltern, die gut Deutsch können und gebildet sind“, meint Sapmaz. „Oder man braucht Nachhilfe. Oder es tritt ein guter Zufall ein.“ Sein guter Zufall hieß Elisabeth Negler. Eine ältere, gebrechliche Frau, die im selben Mietshaus in Weiden wohnte. Mehmet half ihr in der Wohnung und im Haushalt, kaufte für sie ein. Sie lernte im Gegenzug mit ihm, brachte ihm Deutsch bei. „Und viele gute Sprichwörter“, erinnert er sich. Mehmet kam auf die Realschule, dann zum Fachabitur, es folgten Ausbildung und Studium. Vor 20 Jahren ist Elisabeth Negler gestorben.

Heute gehen Tochter Burza und Sohn Ali aufs Gymnasium, der Vater sagt: „Bei der Bildung kenne ich keine Gnade.“ Immer wieder geht Sapmaz auf den Fußballplatz, dribbelt, kickt. Früher, bei der SpVgg Weiden, war er sogar in der Bayernliga. Nun ist es eine Altherrenmannschaft und er im Mittelfeld. Von hinten bekommt er die Bälle, bringt sie nach vorne.

Sohn Ali hat andere Erfahrungen gemacht. Im vergangenen Jahr bei der WM verkündete er vor einem wichtigen Spiel der deutschen Nationalmannschaft: „Ich bin für die anderen.“ Warum? „Weil die Klassenkameraden sagen, dass ich kein Deutscher bin.“ Davor schützt auch kein Vater, der bei der CSU und ein angesehener Mann ist, kein schönes Zimmer in der Doppelhaushälfte in Tennenlohe. „Es ist schon zermürbend“, sagt Sapmaz. „Aber entweder man wandert aus oder bleibt hier, um solche Dinge zu ändern.“

Solche Dinge – dazu zählen auch die Gangs jüngerer Türken, die es in Erlangen ebenfalls gibt. „Wenn ihr Mist baut“, redet Sapmaz ihnen immer wieder ins Gewissen, appelliert an ihren Stolz, „dann schadet ihr auch der Türkei“. Dennoch versteht sich Erlangen als eine Art Insel des integrativen Gelingens – mit seinen 105 000 Einwohnern. Von Berlin ziehe es gut ausgebildeten Türken nach Mittelfranken. „Die wollen auch nicht in Kreuzberg leben“, sagt Sapmaz.

Im Türkisch-Islamischen Kulturverein ist ein riesiges Poster von Mekka an eine Wand geklebt. Waren Sie schon mal dort, Herr Sapmaz? Ja, vor drei Jahren, allein. Wie fühlt sich Mekka an mit den vielen, vielen tausenden Gläubigen? „Status oder Vermögen zählen da plötzlich gar nichts mehr“, erinnert sich Sapmaz. „Du wirst nur daran gemessen, was du für die Gesellschaft geleistet hast. Nur mit einem weißen Umhang stand ich vor der Kaaba, dem heiligen Gebäude. Ich dachte: Nackt sind wir geboren und nackt, nur mit dem weißen Umhang, werden wir alle diese Erde verlassen.“

Nur wenige CSU-Mitglieder dürften das schon erlebt haben. Einige Zeit nach seinem Brief an Horst Seehofer meldete sich Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein bei Sapmaz, auch er ein Franke. Er schrieb ihm eine herzliche E-Mail, versuchte, die Angelegenheit geradezurücken. Kurz darauf rief Seehofers Büroleiter an und fragte, ob Beckstein die Sache nun erledigt habe oder ob er noch eine Antwort des Ministerpräsidenten wolle. „Was soll ich dazu sagen?“, meint Mehmet Sapmaz. „Der muss doch selbst wissen, ob er mir antworten möchte.“

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