Politik : Mut im Spiegel

Nicola Kuhn

Haben wir uns das nicht immer schon gewünscht: ein leibhaftiges alter ego, das sich all die Dinge herausnimmt, die wir uns selber nicht trauen? Die kleine Ellen hat einen solchen guten Geist, die Prinzessin Spiegelschön. Sie sieht exakt aus wie Ellen, denn die junge Dame ist ihr Spiegelbild. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit tritt es aus dem Spiegel heraus und macht sich selbständig – nicht immer zur Freude ihres realen Ebenbildes. Denn Spiegelschön ist selbstbewusst, wie es sich für eine kleine Prinzessin gehört, die sich die Welt aus ihrer Märchenperspektive erklärt und damit die Dinge erst wirklich zurechtrückt.

Der britischen Kinderbuchautorin Julia Donaldson ist mit der Figur der Prinzessin Spiegelschön eine wunderbare Geschichte gelungen, die genau jene sensible Balance zwischen Wunschtraum und realem Erleben hält. Der Leser weiß nie genau, ob Ellen sich nun mit einem Fantasiegebilde umgibt oder einer wirklichen Figur gegenübersteht, die es so auch nur im Kinderbuch geben kann. In dieser Hinsicht ist die von Lydia Monks illustrierte Erzählung sogar pädagogisch wertvoll, denn sie macht Mut, sich auch Verrücktes zuzutrauen. Wer hat zumindest als Kind nicht schon einmal davon geträumt, sämtliche Shampoo-, Creme- und Duschgeltuben gleichzeitig im Badewannenwasser auszudrücken? Oder auf dem Jahrmarkt beim Ringwurfstand mit Armen, die sich auf wundersame Weise verlängert haben, sämtliche Preise einzuheimsen?

Julia Donaldson: Prinzessin Spiegelschön. Kinderbuch. Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim. 109 S., 9,90 €.

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